Federal Literature Jury

Eidgenössische Jury für Literatur

Hinter den eigenen vier Wänden

Es ist nicht mehr ganz das Gleiche, die Tür hinter sich zu verschliessen, um in den eigenen vier Wänden in aller Ruhe ein Buch zu lesen. Umso mehr sind Geschichten, die einen über den Grundriss der eigenen Wohnung hinaustreten lassen, durch neue Türen in versteckte Räume führen, auf unbekanntes Terrain, von grundlegender Bedeutung. Erzählungen, in denen die Gleichzeitigkeit von vermeintlich Unvereinbarem selbstverständlich wird – oder zumindest vorstellbar – sind auch die sieben Bücher, welche die Jury der Schweizer Literaturpreise in diesem Jahr als besondere Werke hervorhebt. Und so stehen diese sieben Texte stellvertretend für die Literatur eines Landstriches, in dem wir zufälligerweise leben: 154 Bücher in vielen Sprachen, die Geneviève Bridel, Matthias Lorenz, Thierry Raboud, Arno Renken, Elise Schmit, Niccolò Scaffai, Rico Valär, Prisca Wirz und ich über die Sommermonate des Jahres 2020 gelesen haben.

Denn es sind Berichte und Legenden von dort, wo wir nie waren, und auch nicht hinkommen, solange wir diese Texte nicht lesen; Geschichten, transkribiert in Sprachen, deren Komplexität mit lexikalischer Deutung allein nicht beizukommen ist.

Sich darauf einzulassen, bedeutet nichts anderes, als Türen zu öffnen, Wände einzureissen, und in diese Figuren hineinzuschlüpfen, in ihre Leben, ihre Behausungen, ihre Kleider.

Derlei Metamorphosen haben wir einer Literatur zu verdanken, die Sprache als Ausdrucksmöglichkeit, darüber hinaus aber vor allem als identitätsstiftendes Moment versteht. Einer Literatur, die mit Stoffen und Themen umzugehen weiss, und die sich selber als Verfahrensweise versteht, als Variante, als Angebot, sich gegenseitig zuzuhören.

Sich so lange zuzuhören, bis man sich nicht mehr gegenseitig fragt, woher man kommt, sondern welche Wege man eingeschlagen hat, bevor man einander begegnet ist; bis man sich nicht mehr fragt, wer man ist, sondern, ob man gemeinsam ein Stück weit gehen möchte, durch diese neuen Räume.
Oder bis man sich mit Erica Pedretti am Ende ihrer in Siebenmeilenstiefeln verfassten Biographie «fremd genug» verwundert fragt: Habe ich gerade wir gesagt, bei uns?

Tabea Steiner