Federal Literature Jury

Eidgenössische Jury für Literatur

Begegnungen im Bücherwald

Stellen Sie sich vor, Sie spazieren durch einen Wald, in dem Sie immer wieder auf Leute stossen, denen Sie gebannt zuhören: Da trägt jemand rätoromanische Gedichte vor, dort erzählt ein anderer eine Geschichte auf Französisch, die vor über zweitausend Jahren in Judäa spielt. Zwei junge Leute unterhalten sich auf Italienisch über die Zeit der Jugendunruhen in Zürich, eine Gruppe mit Hund plant dreisprachig eine Reise von der einsamen Alp auf die Berliner Museumsinsel, und weiter nach Rom für einen Zoobesuch. Eine Frau entwirft das düstere Bild einer englischen Stadt in der nahen Zukunft, eine andere ist in ein intensives Gespräch mit einem Spaziergänger vertieft, dessen Gestalt mit Hut und Regenschirm Ihnen bekannt vorkommt.
Rund 150 Begegnungen erwarteten die Jurymitglieder Roman Caviezel, Prisca Wirz-Costantini, Jean Kaempfer, Matthias Lorenz, Niccolò Scaffai, Anne Pitteloud, Arno Renken, Tabea Steiner und mich dieses Jahr im Schweizer Bücherwald. Welche dieser Erfahrungen für uns die literarisch herausragendsten, interessantesten, überraschendsten und berührendsten waren, darüber haben wir lange diskutiert. Neun Preisträgerinnen und Preisträger aus allen vier Landessprachen können Sie in der hier vorliegenden Publikation neu oder anders kennenlernen – dank den Übersetzerinnen und Übersetzern bekommen Sie auch einen Einblick in Werke, die Sie nicht im Original lesen. Bäume reisen nicht – unser Bücherwald aber schon: Autorinnen und Übersetzer begeben sich auf eine Lesetour durch die Schweiz und treten in verschiedener Zusammensetzung auf. Lassen Sie sich die Gelegenheit zum Gespräch nicht entgehen!
Das Bild der Begegnung mit Personen, die Bücher verkörpern, ist von Ray Bradburys Fahrenheit 451 bzw. Truffauts gleichnamigem Film inspiriert, in dem Literaturbegeisterte sich verstecken müssen, um sich ihrer Leidenschaft hinzugeben. Warum Lesen verboten sei? Weil es unglücklich mache, behauptet die Obrigkeit in Bradburys Dystopie. Nichts ist falscher als das, wie die hier versammelten Werke beweisen.

Ruth Gantert