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Die schönsten Schweizer Bücher ausgezeichnet in 2026 (erschienen 2025)

13. Mai 2026

Agnes von Ungarn, 1280–1364. Die einflussreichste Habsburgerin des Mittelalters

In dieser handlichen Biografie der Habsburgerin Agnes von Ungarn aus dem 14. Jh. verbindet die Gestaltung historische Referenzen mit zeitgenössischen Gesten zu einer kohärenten Form. Zum historischen Set-up gehören u.a. das kleine Buchformat, der Samt-Einband, das aufgeklebte Titelbild aus dem 16. Jh., das Buchzeichenband und der manchmal nach oben und zur Mitte gerückte Satzspiegel. Auf dieser Grundlage erfolgt eine Reihe von gezielt unstimmigen Interventionen – programmatisch bereits auf dem blauen Umschlag. Hier kommt der zeitgenössische Anspruch des Buchs prägnant in dem grossen, serifenlos gesetzten Namen «Agnes» zum Ausdruck, der nicht nur den kleinen Autorennamen an den Rand drängt, sondern auch den Namen «von Ungarn», welcher in einer Serifenschrift innerhalb des Titelbildes über Agnes und ihrem Haus erscheint. Im Innern des Buches ist z.B. der Platz für die historisch typischen Schmuck-Initialen an den Kapitelanfängen ausgespart, bleibt aber leer, und ein auf gestrichenem Papier eingefügter Bildteil mutet vom Layout her zwar historisch an, verwendet aber eine serifenlose Schrift für die Bildlegenden. Der Satz des Mengentextes erzeugt mit einigen persönlichen Wendungen einen starken Rhythmus, der aber nicht überwältigend wird. Obwohl der weiche Einband und die ausgezeichnete Lesbarkeit eine direkte, fast intime Beziehung zur Betrachterin und zum Betrachter herstellen, resultiert doch ein changierendes Objekt, dessen Identität nicht auf die Schnelle festzustellen ist. Dies passt sehr gut zu der schillernden Protagonistin, deren ambivalentes Verhältnis zu Haus und Herrschaft das Titelbild in der Schwebe belässt.

13. Mai 2026

An Exciting Opportunity Lies Ahead of You

Ein dünnes, elegantes und schillerndes Künstlerbuch zu einer Ausstellung von Shirana Shahbazi präsentiert ihre Fotografien in so ungewohnter Weise, dass etwas völlig Neues entsteht. Einige wenige der in der Ausstellung gezeigten farbig-abstrakten Kompositionen werden randabfallend und teilweise in Ausschnitten so auf sämtliche 44 Buchseiten übertragen, dass jegliche Bildgrenzen und Grössenverhältnisse verschwinden und ein Spiegelkabinett-artiges Bildkontinuum entsteht. Zur zusätzlichen Täuschung ist jede zweite Buchseite verschmälert und fügt sich in die Bildkompositionen der folgenden wie der vorherigen Seite so perfekt ein, dass sie auf den ersten Blick kaum als eigene Seite erkennbar ist. Weil zudem die von den verschmälerten Seiten abgedeckten Teile der ganzen Seiten mit partiellem Glanzlack überzogen sind, kann der Eindruck von Überlagerungen auch nach dem Umblättern der halben Seiten bestehen bleiben. So erzeugen Fotografie, Gestaltung, Bildredaktion und Produktion gemeinsam ein virtuoses Verwirrspiel mit dem Verhältnis von Ausstellungs- und Buchraum, in dem keine zuverlässige Orientierung mehr möglich ist. Auf dem Umschlag wird dieser Eindruck noch dadurch verstärkt, dass der Titel zweimal von der einen auf die andere Umschlagseite – quasi um das Buch herum – läuft. Damit erweist sich das im Titel gegebene Versprechen einer «tollen bevorstehenden Gelegenheit» als leer: Anstatt zukünftigen Fortschritt bietet das Spiegelkabinett nur das Drehen-im-Kreis.

13. Mai 2026

Carl Cheng. Nature Never Loses

Der schwere, umfangreiche Katalog im Querformat erscheint als Zeitachse in Buchform, entlang derer das Werk von Carl Cheng mit grosser Freiheit erkundet werden kann. Rund 140 Arbeiten aus sechs Jahrzehnten – Fotografien, Objekte, Installationen, raumgestalterische Entwürfe, Konzeptkunst usw. – werden im Hauptteil auf meist einer bis vier Seiten in chronologischer Reihenfolge vorgestellt, wobei immer am unteren Seitenrand eine in grosser Helvetica gesetzte Jahreszahl mit Werktitel den Zeitverlauf betont. Dies wirkt beim Blättern zwar teilweise repetitiv, erlaubt es aber, überall im Buch direkt einzusteigen. Auf den einzelnen Seiten sind jeweils bis zu zehn meist ungeschnittene Bilder in diversen Grössen und Formaten fast wie Text fortlaufend so in Kolonnen eingepasst, dass die Seitenhöhe immer ausgefüllt wird, während aber nicht jedes Bild mit der Kolonnenbreite übereinstimmt. Ebenfalls eingefügt sind zwei Sorten von kurzen Texten, die Werkbeschreibungen (in Helvetica) bzw. subjektive Erinnerungen des Künstlers bieten (in einer Schreibmaschinenschrift). Ohne eindeutige Ordnung und Hierarchie eröffnen die Materialien vielfältige, niederschwellige Zugänge zu den Werken, verbergen aber nicht deren Komplexität. Hervorragende Bildbearbeitung führt zu hoher Druckqualität. Aufgrund seines Gewichts und des Querformats ist der Band eher unhandlich, aber im Bücherregal sorgt eine Karton-Faltschachtel für Halt, die auf der Innenseite als grafisch plakativen Einstieg drei Zeichnungen zeigt.

13. Mai 2026

Dirty Old River

Ein Taschenbuch mit glänzend braunem Schutzumschlag, das zwölf Essays des britischen Architekten Tom Emerson aus 25 Jahren versammelt, gewährt innerhalb einer schlichten Form viel Abwechslung durch Layout- Variationen, die auf die einzelnen Texte abgestimmt sind. Es beginnt mit einem einspaltigen Layout in Serifenschrift, an das die dazugehörigen vierfarbigen Fotos auf einem gestrichenen Papier anschliessen. Während Schrift und Spaltenbreite fürs erste konstant bleiben, sind die nächsten Essays schwarz-weiss bebildert, einmal auf einzelnen Bildseiten, dann mit in den Satzspiegel integrierten Bildern. Später wird die Textspalte verschmälert und mal mittig auf den Seiten, mal zentriert auf der Doppelseite platziert, wobei manchmal wieder Bilder hinzukommen, z.B. in einer Randspalte. Der beständige Wandel der Form reflektiert die variantenreiche Arbeits- und Schreibweise Emersons, der als Architekt und Dozent immer wieder neue Perspektiven sucht und verschiedene Praktiken miteinander verbindet. Eine wichtige gestalterische Leistung liegt dabei auch in der subtilen Homogenisierung des diversen Bildmaterials, dank der das Buch doch als Einheit wirkt. Der braune Schutzumschlag mit roter Schrift und den nach innen gefalteten, abgerundeten Klappen scheint aus einer anderen Zeit zu kommen, was im Kontrast zum Glanzlaminat steht. Das Braun lässt sich zudem auf den Titel des Bandes beziehen, eine aus dem Song «Waterloo Sunset» von The Kinks zitierte Metonymie für die Stadt London. Insgesamt ist der erste Eindruck recht mysteriös, und dies schlägt den Ton für das ganze Buch an, das immer wieder neugierig macht und sich manchmal von Kapitel zu Kapitel fast so stark verändert, als wäre es ein neues Buch.

13. Mai 2026

Florian Graf. School Models

Die Dokumentation über Florian Grafs witzige Spielplatz-Skulpturen für den Hof einer Zürcher Primarschule erkundet spielerisch die Frage, inwiefern ein Buch solche Objekte reflektieren oder gar imitieren kann. Graf arrangierte Modelle der drei Schulgebäude aus weissem Kalkstein auf grünen und lachsfarbenen Terrazzo-Blöcken, und das Buch erinnert mit seinem glänzenden und in scharfe Form geschnittenen Hardcover, das dieselben drei Farben aufnimmt, sofort an den Ton und die Attitüde von Kindern: einfach, direkt, laut. Die Vorsatzpapiere bilden das farbige Terrazzomaterial dann direkt ab, sodass auch der weisse Buchblock die Farbanalogie zu den Skulpturen weiterzuführen scheint. Die Innenseiten der Buchdeckel zeigen in den stark überstehenden Randbereichen das Inhaltsverzeichnis, das um die vier Ecken herum verläuft und beim Durchblättern des Buches praktischerweise immer sichtbar bleibt. Die Textbeiträge sind zweisprachig in Grün (deutsch) und Lachs (Englisch) gesetzt, wobei gelegentliche Seitentitel am Rand mit dem permanent zu sehenden Inhaltsverzeichnis korrespondieren. Einige vierfarbige Bild-Essays, welche u.a. die Herstellung, Installation und Nutzung der Skulpturen zeigen, hätten etwas strikter editiert werden können, bringen aber die Spiel-Thematik und den Witz der künstlerischen Arbeit gut zur Geltung. Das Buchobjekt ist ebenso eigenständig wie die Skulpturen.

13. Mai 2026

Fred Waldvogel. Pilze

Ein Ausstellungs-Katalog mit den Pilz-Fotografien Fred Waldvogels (1922– 1997) verleiht den alten – und teilweise altbekannten – Bildern eine neue Aktualität und Lebendigkeit durch grosszügige Hochglanz-Präsentation. In der Regel mittig allein auf einer Seite ist eine jener wissenschaftlichen Fotografie- Tafeln platziert, die Waldvogel in wechselnden Arrangements von einem oder mehreren Exemplaren einer einzelnen Pilzsorte herstellte. Da die Bilder so skaliert wurden, dass die Pilze in Originalgrösse zu sehen sind, variiert die Grösse der Fotos stark, was zu unterschiedlich breiten Rändern führt. In Kombination mit dem hervorragenden Vierfarben-Druck unterstützt dies eine starke Ästhetisierung der Bilder: Das Augenmerk liegt nun auf den filigranen Formen und spektakulären Farbverläufen der Pilze und weniger auf ihrer wissenschaftlichen Kategorisierung und Analyse, zu deren Zweck die Fotografien ursprünglich erstellt und 1972 in zwei Büchern des Silva-Verlags veröffentlicht wurden. Dennoch finden sich auch in dieser Ausgabe auf vereinzelten Seiten gut portionierte Textinformationen eingestreut, die aufgrund ihres zufälligen Auftauchens allerdings gesucht werden müssen und dadurch ein aktives, nachforschendes Leseverhalten einfordern. Das hellgraue, wattierte Hardcover mit leicht glitschigem Papier und brauner Schrift ist im Vergleich zu den Bildern bescheiden, bleibt aber aufgrund von augenzwinkernden Pilz-Analogien naturnah: sowohl in der weichen Haptik als auch in der Visualität der schmalen Schrift mit grossen Oberlägen, die hier quasi aus der Erde aufschiesst.

13. Mai 2026

HARDSTYLE

Ein schweres, schwarz-silbernes Fotobuch mit hartem, transparentem Plastikumschlag macht ein starkes Statement für die Stylings von Peri Rosenzweig und Nick Royal, die den Look internationaler Musikstars prägen. Die gegen 200 Seiten zeigen meist eine grosse Fotografie – oftmals randabfallend – einer Person als Porträt, Close-Up, Pose oder Silhouette. Viele tragen unkonventionelle, manchmal an Vermummung grenzende Designermode, und durch teilweise doppelbelichtete Fotografien und häufigen Überdruck zweier Fotos (einmal Silber, einmal Silber mit CMYK) werden sie zu unscharfen, vielschichtigen Gestalten in permanenter Bewegung. Obwohl die vielen Überlagerungen die Ästhetik des Buches massgeblich prägen, wirkt es nicht repetitiv, sondern es gibt immer wieder neue Spielarten zu sehen, sodass Vielschichtigkeit, Beweglichkeit und Rhythmik als leitende Editionsprinzipen hervortreten. Durch gelegentlich wiederkehrende Personen ergeben sich zudem Ansätze zu kleinen Erzählungen, denen die Betrachtenden selbst nachgehen können. Einige Layouts hinterfragen das Buchformat, indem Bilder scheinbar unpassend zugeschnitten oder platziert sind, und gelegentlich scheinen die Porträtierten in ungewohnten Posen und Gesten geradezu mit den Restriktionen des Buchraums zu kämpfen. Als Portfolio- Band für die Stylisten konzipiert, kommt das Buch mit minimalen Textergänzungen aus, die typografisch sehr zurückhaltend umgesetzt werden. Der Umschlag mit dicker Metallplatte und Plastikeinband unterstreicht den Eindruck eines starken Statements, auch wenn der hohe Materialaufwand unter ökologischen Gesichtspunkten etwas fragwürdig erscheint.

13. Mai 2026

HEATWAVE

Das mehrteilige Katalogheft zum Pavillon des Königreichs Bahrain auf der Architektur-Biennale 2025 in Venedig ist ein virtuos konstruiertes, dialektisches Objekt, das in Form und Material seine eigene Unbeständigkeit inszeniert. Formal besteht es aus sechs ineinander gelegten Heften aus zwei verschiedenen Papieren, die zwar als fortlaufende Kapitel eines Buches gelesen werden können – von der einen Seite her auf Englisch und von der anderen auf Arabisch –, die aber sehr leicht auseinanderrutschen. Unter den gewählten Materialien wurde auf dem roten Kartonumschlag der UV-Schutz weggelassen, sodass er ausbleicht, und eine der zwei Papiersorten vergilbt aufgrund des hohen Holzgehalts schnell. Ästhetisch orientieren sich die Farbveränderungen an einem Foto-Essay mit teilweise stark überbelichteten Bildern, und inhaltlich reflektiert die inszenierte Unbeständigkeit das Ausstellungsthema der klimabedingten Erderwärmung. Sieben wissenschaftliche Kurzbeiträge, drei visuelle Essays und zwei Bildpräsentationen des Pavillons kommunizieren Komplexität und einen hohen intellektuellen Anspruch, aber das Objekt erzeugt auch eine starke emotionale Wirkung. Mit dem eher kleinen Format, dem fehlende Buchrücken und dem sparsamen Einsatz von Farbe wird der Status des Katalogbuchs heruntergespielt, doch entsteht eine ganz eigene Schönheit. Perfektion und Imperfektion sind für einen flüchtigen Moment in Balance.

13. Mai 2026

Other Voices, Other Rooms

Das grossformatige Schwarz-Weiss-Fotoheft mit plakativer roter Typografie bringt die Vielschichtigkeit und rohe Ästhetik eines von Adam Szymczyk geleiteten Kunst-am-Bau-Projekts in einem Zürcher Polizeigebäude in eine konzeptionell und visuell eindringliche Buchform. Kurz vor der Inbetriebnahme wurden in dem Neubau während drei Tagen Kunstinstallationen und Performances gezeigt, die sich mit Fragen der Herrschaft und der legitimierten Gewaltanwendung befassten. Um die Erinnerung an die Kunst permanent zu halten, wurden anschliessend dokumentarische Schwarz-Weiss- Fotografien des dreitägigen Anlasses mit Siebdruck auf die Sichtbetonwände in den Fluren appliziert. Die Publikation präsentiert nun, immer randabfallend, neuerliche grosse und frontale Fotografien der applizierten Bilder an den Wänden. Neben den Rasterpunkten des Siebdrucks sind oft auch grössere Bereiche der Betonwände zu erkennen, die visuell mit den Buchseiten verschmelzen und einen insgesamt grauen Eindruck der Publikation erzeugen. Hinzugefügt wurden nur prominente rote Seitenzahlen sowie einige Schlagwörter, die manchmal in grosser roter Typographie über die Doppelseiten verlaufen und die politische Dringlichkeit des Anlasses evozieren. Durch wechselnde Distanz zu den applizierten Bildern ergeben sich verschiedene Perspektiven, fast wie es bei einem Rundgang durch das für die Öffentlichkeit nicht mehr zugängliche Gebäude der Fall wäre. Zugleich changiert die Wahrnehmung ständig zwischen der Dokumentation des Kunstanlasses und der Dokumentation der Siebdrucke. Die faszinierende Multiperspektivität wird noch gesteigert durch zwei beigelegte dünne Hefte, die konventionellere Zugänge zu den beim Anlass gezeigten Kunstwerken bieten.

13. Mai 2026

Paperclips

Ein Künstlerbuch mit schwarz-weissen Fotos von verbogenen Büroklammern, das die Form eines grossen Notizblocks hat, beruht auf nur wenigen gestalterischen Entscheidungen, die aber ein sehr schlüssiges Objekt ergeben. Gut 70 mit Risografie produzierte Blätter sind am oberen Rand mit Heftklammern zusammengehalten und zeigen jeweils eine grosse Nahaufnahme einer manipulierten Büroklammer vor einheitlichem Schwarz- Weiss-Verlauf im Hintergrund. Durch die vielfältigen Verbiegungen entstehen filigrane, abstrakte Skulpturen, die auf jeder Seite von neuem überraschen und verschiedene kunsthistorische Bezüge evozieren. Während der matte Risografie-Druck mit starkem Schwarz die Hintergründe optimal zur Geltung kommen lässt, ergibt sich ein interessanter Widerspruch zu dem in Wirklichkeit glänzenden Metall der Büroklammern. Der Block hat ein dickes gelbes Deckblatt und ist in einen schwarz-weissen, mattgestrichenen Umschlag gewickelt, der den Titel, einen Essay und das Impressum enthält. Die insgesamt drei Papiersorten harmonieren bestens mit der Heftung und der Schriftwahl, aber der Block funktioniert als Objekt sogar ohne Schutzumschlag (und ohne jegliche Information). Er mag an Blöcke für Kritzeleien während Telefongesprächen oder Sitzungen erinnern, zumal das Verbiegen der Büroklammern bei solchen Gelegenheiten als ähnlich gedankenlose Nebenbeschäftigung dienen kann.

13. Mai 2026

Sheila Hicks. A Little Bit of a Lot of Things

Der eher kleinformatige Ausstellungskatalog mit schwarz-weissem Softcover verblüfft durch radikale Beschränkung auf zentrierten Satz, der zu immer neuen Kaskadenformen führt und vielfältige Bezüge zu den textilen Bildern und Skulpturen der Künstlerin ergibt. Auf den typografisch gestalteten Umschlag, der in seiner Einfachheit aber recht laut ist, folgt ein zurückhaltendes Inhaltsverzeichnis, das sechs Buchteile ankündigt: einen langen Teil mit Ausstellungsfotografien, eine Werkliste, ein Kuratoren-Essay, zwei Künstlerinnengespräche und eine Biografie. Nach dem relativ konventionellen Bildteil – ohne jeden Text – beginnen die verschiedenartigen Layouts mit zentriertem Satz, der je nach Kapitel zwischen einer, zwei und drei Textspalten variiert. Begleitende Bilder werden zunehmend eingebunden, bis sie sich am Ende in grosser Zahl und kleiner Grösse vollständig mit dem Text verweben. Die direkten Bezüge zwischen Typographie und textilem Werk sind im Einzelnen manchmal etwas gar offenkundig, doch in der Menge bleiben sie dank der grossen Vielfalt spannend. Die durchgängige Kombination einer Serifenschrift (für Englisch) und einer serifenlosen (für Deutsch) funktioniert ebenfalls. Besonders schön ist der typografische Umgang mit Zahlen, deren Status als Nummern hinterfragt wird, während sie zu stärker visuellen Elementen werden: so bei Jahreszahlen, die auf zwei Zeilen aufgeteilt sind, und bei den Seitenzahlen, die durch Leerschläge auseinandergedröselt erscheinen. Insgesamt eine experimentelle, künstlerisch ebenbürtige Buchgestaltung.

13. Mai 2026

Superior and Inferior. Conversations Among Girls at Middle School

Die italienisch-englische Neuausgabe von Carla Accardis feministischem Text von 1972 wird dank einer Reihe von schlauen gestalterischen Entscheidungen zu einem ebenso preziösen wie praktischen Lesebuch. Die Künstlerin war damals als Lehrerin einer Mittelschule entlassen worden, nachdem sie im Unterricht gesellschaftliche Benachteiligungen von Mädchen gegenüber Jungen diskutiert und entsprechende Alltagserfahrungen der Schülerinnen aufgezeichnet hatte. Zu ihrer Verteidigung publizierte sie das Buch, das mit dem amtlichen Entlassungsschreiben beginnt und dann auf mehr als 100 Seiten Gespräche aus dem Unterricht wiedergibt. Die neue zweisprachige Ausgabe ist gestalterisch dadurch aufgewertet, dass die Erstausgabe Seite für Seite als Faksimile erscheint, sodass gewissermassen zwei Bücher in einem vorliegen. Weil das neue Buch leicht vergrössert ist, haben die faksimilierten Original-Seiten (im ersten Teil) einen weissen Rand – das Originalpapier wird dabei durch ein feines Linienmuster hinter dem Text repräsentiert. Der englische Text (im zweiten Teil) nutzt die Buchseiten stärker aus und signalisiert mit einer grösser gesetzten Groteskschrift, die es 1972 noch nicht gab, auch typografisch die zeitliche Distanz zum Original. Eine ähnliche Strategie kommt auf dem Umschlag zum Einsatz, wo auch das Faksimile-Cover aufgrund der veränderten Grösse mit weissem Rand erscheint und zusätzlich mit erklärendem Text in der neueren Groteskschrift – in Gold – überdruckt ist. Setzt das ganze Objekt somit die Idee des Revivals subtil in Szene, so ist dies aber keine gestalterische Fingerübung – betont wird vielmehr die Wichtigkeit des Inhalts, der noch immer aktuell erscheint.

13. Mai 2026

The House of Dr Koolhaas

Ein gut 200-seitiges Taschenbuch über ein Frühwerk des niederländischen Star-Architekten Rem Koolhaas wird durch symbiotisches Zusammenspiel von editorischer und gestalterischer Konzeption zu einem für den Fachbereich fremdartigen Objekt im Stil eines Schundromans. Die Autorin (und zugleich Mitherausgeberin einer Serie, die mit diesem Buch beginnt) nähert sich dem Gebäude zwar historisch und theoretisch, präsentiert ihre Befunde aber als romanartige Erzählung über einen rätselhaften Fall. Die Gestaltung visualisiert diesen Ansatz bereits auf dem glanzlaminierten Umschlag, der mit geprägter Titelschrift und einer vierfarbigen Illustration des partiell erleuchteten Hauses im Mondschein genretypische Spannung verspricht. Auch eine reisserische Inhaltsangabe auf dem Backcover und werberische Zitate betonen, dass hier der Architekturdiskurs für einmal einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden soll. Im Vergleich dazu wirkt die eher ruhige Gestaltung des schwarz-weissen Innenteils dann fast so, als wäre der Umschlag zur Täuschung angebracht worden, doch der Zusammenhang ergibt sich aus dem konsequent verfolgten Ansatz einer Text- und Bilderzählung. Alle Seiten sind in einspaltigem Satz mit einer Serifenschrift vollständig gefüllt, und viele haben ein bis drei schwarz-weisse Bilder, die eine faszinierende Spurensuche zu kunst-, kultur- und architekturhistorischen Zusammenhängen ergeben. Das narrative Zusammenspiel von Text und Bildern gelingt trotz der kleinformatigen Seiten ausgezeichnet, und beständig wechselnde Layouts mit zwei verschiedenen Bildbreiten sowie einzelnen ganzseitigen Bildern lassen in keinem Moment Langeweile aufkommen.

13. Mai 2026

The Sori Yanagi Appreciation Society

Ein unkonventionelles Buchobjekt mit silbergrauer Ringbindung, schmalem Hochformat und mehrfach gefaltetem Kartonumschlag – aussen weiss, innen braun – bietet eine unprätentiöse und charmante Huldigung des japanischen Produktdesigners Sori Yanagi und macht seine Arbeit für ein breites Publikum ausserhalb Japans zugänglich. Initiiert von einem Produktgestalter und einem Autor aus England, werden Kurz- und Kürzest-Beiträge von fast 100 Fachleuten auf einzelnen Blättern präsentiert, die alphabetisch nach den Namen eingeordnet sind. Anstelle von Seitenzahlen tragen die Blätter vorne und hinten jeweils die gleiche Nummer des Beitrags, und viele zeigen vorne ein Bild und hinten Text. Die unterschiedlichen Fotografien und Zeichnungen – viele sachliche Darstellungen von Yanagis Objekten, aber auch Schnappschüsse aus dem Alltagsgebrauch – sind dadurch vereinheitlicht, dass sie alle grob gerastert und in einheitlicher Breite des Satzspiegels in Silber gedruckt werden. Vor und hinter den Beitragsblättern sind ein Einleitungsteil auf rotem Papier bzw. ein Register- und Impressumteil auf blauen Seiten in die Ringbindung eingefügt. Jede der wenigen gestalterischen Entscheidungen ist präzise, und obwohl das Buch recht wertvoll wirkt, ist es nicht übergestaltet und luxuriös, sondern funktional und preisgünstig produziert. Die Gestaltung ist zudem extrem transparent, denn das Objekt ist nichts anderes als das, was es ist: eine schlichte und offene Sammlung von Beiträgen, die dank der Ringbindung erweiterbar bleibt. Der betonte Funktionalismus spiegelt die Arbeitsweise von Yanagi, für den der Alltagsgebrauch seiner Produkte genauso wichtig war wie die Schönheit. So ist das Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch als Objekt eine gelungene Hommage.

13. Mai 2026

The Tinklers Charts and Stories

Das grossformatige Buch mit weissem Softcover und vielen bunten Seiten überträgt fünf Publikationen des US-amerikanischen Musiker- und Künstlerduos The Tinklers aus den 1980er Jahren in eine durchdachte, aber intuitiv zugängliche Reprint-Edition. Die Tinklers stellten mit einfachen technischen Mitteln wie Mimeographie oder Fotokopierer «Bücher» mit humorvollen Bildergeschichten her, die sie dann mit Musik «performten» und teilweise als Kunstwerke ausstellten. Für den Reprint wurden die Techniken, Materialien, Formate und Grössen vereinheitlicht: Alle Seiten wurden abfotografiert und die gezeichneten und geschriebenen Inhalte auf die Seiten des neuen Papiers übertragen. Die fünf Bücher sind einerseits durch schlichte, ebenfalls vereinheitlichte Titelseiten kenntlich gemacht, andererseits durch den bei jedem Buch unterschiedlichen Einsatz der zahlreichen eingefärbten Buchseiten, die einen sehr schönen Rhythmus ergeben. Das matte Recycling-Papier, das die Druckfarbe stark absorbiert, erinnert teilweise an die ursprünglichen Reproduktionstechniken, während der glänzende Umschlag mit speziell lackiertem Buchrücken visuell klar als eigenes Element hervortritt. Indem der Umschlag vorne und hinten schwarz-weisse Fotos der Tinklers bei ihren Performances zeigt, bietet er die ebenso knappe wie präzise Kontexterzählung zu den Inhalten. Die Kopier-Ästhetik der Fotos und die von Hand darüber gedruckten Stempelzeichnungen sind weitere Hommagen an die handwerklichen Produktionen der Tinklers. So entreisst der Band nicht nur eine eigenständige künstlerische Praxis der Vergessenheit, sondern er überträgt sie performativ auch in die Gegenwart. Trotz der starken gestalterischen Interventionen erscheint dabei alles selbstverständlich.

13. Mai 2026

Unmittelbar, dringend, ungeduldig. Die gestalterische Unerschrockenheit der Keramikerin Elisabeth Langsch

Auf gegen 300 reich illustrierten Seiten visualisiert das mittelformatige Buch mit Softcover und buntem Schutzumschlag eindringlich die Praxis der Keramikerin Elisabeth Langsch (1933–2025), die trotz teilweise grosser Aufträge für Skulpturen im Architekturkontext eine Aussenseiterin des Schweizer Kunstbetriebs blieb. Vier bebilderte Essays und ein Gespräch ergeben in Kombination mit langen Bildstrecken sowie einem Werkverzeichnis und Lebensbericht ein umfassendes Porträt, das aber keine Einheit suggeriert. Vielmehr wechseln die Perspektiven auf die Werke dauernd – zwischen fertigen Skulpturen, Arbeitssituationen, Raum-Ansichten, formalen Details, Materialoberflächen und Farben –, und oft geht durch das Zu- oder Ausschneiden der Bilder die Grössenrelation verloren. Während viele Bilder in den Essays nach der Form der oft bunten Objekte wie von Hand ausgeschnitten sind, sodass der ungewöhnlich gross gesetzte Text unregelmässig darum herum läuft, erzeugen die Bildstrecken mit randabfallender Platzierung und zahlreichen ausklappbaren Seiten farbenreiche Bildräume, in denen die Orientierung bisweilen verloren gehen kann. Die Gestaltung spielt mit Gegensätzen wie professionell vs. amateurhaft oder kontrolliert vs. frei, die auch für das Werk von Langsch prägend waren. Manchmal müssen die ausgeschnittenen Bilder um ihren Raum im Text geradezu ringen, was sich auf das Ringen um künstlerische Anerkennung der Keramikerin beziehen lässt, deren Werke oft «nur» als Kunsthandwerk eingestuft wurden. Obwohl das Buch eine Rehabilitation anstrebt, wird Langsch nicht glorifiziert, sondern die Beurteilung ihrer vielseitigen Praxis bleibt der Leserschaft überlassen.

13. Mai 2026

Words Rather than Pictures

Ein spektakuläres Schriftmusterheft aus 48 sehr grossen Seiten präsentiert nicht nur die neue Serifenschrift SuperScotch von François Rappo, sondern bietet auch eine gelungene Hommage an die Druckkunst. Dass es mit grossem handwerklichem Aufwand im Buchdruck hergestellt wurde, lässt sich als Reminiszenz an den historischen Hintergrund der Schrift verstehen, die sich auf schottische Schnitte aus der Reiseliteratur des späteren 19. Jahrhunderts bezieht. Sechs unterschiedliche Papiere – auch aus Baumwolle – erzeugen 147 eine faszinierende haptische Vielfalt, und bei den teilweise riesigen Buchstaben werden der Farbauftrag und der Eindruck der Klischees ebenfalls haptisch erfahrbar. Als Textmaterial dienen Auszüge aus zwei Büchern John Baldessaris, die in sehr starkem Schwarz und wechselnden Layouts teilweise expressiv wirken, aber insgesamt doch kontrolliert und mit Bedacht gehandhabt werden, sodass sie zur Lektüre einladen. Trotz der zahlreichen Wechsel in Papier, Layout und Schriftgrössen gelingt es der Gestaltung, eine Einheit zu finden. Der Umschlag mit Siebdruck-Applikation im Querformat wirkt wie eine Zugabe und erinnert an die Halbkartons, die in Druckereien zur Trennung verschiedener Papierstapel verwendet werden. Auf einer feinen Linie zwischen historischer Inszenierung und Neukreation angesiedelt, spiegelt die Publikation exakt die Identität der Schrift.