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Published on 31 October 2024

Lars Müller

Jan-Tschichold-Preis 2002

Lars Müller, Baden/ Gestalter und Verleger

Subtile Köstlichkeiten,
\ Die Bücher von Lars Müller verzichten auf alle Konventionen der Verführung. Sie zeigen kein Balzverhalten, weder nach aussen noch nach innen, sie schmeicheln mir nicht, sie buhlen nicht um meine Aufmerksamkeit. Sie sind dabei jedoch weit mehr als eine marketingfreie Zone: Die Bücher stehen für sich selbst und ruhen in sich selbst. Sie genügen sich selbst. Und sie sind stolz, sehr stolz./

absichtevoll ungehobelt:
\ Da finden sich immer wieder die gleichen Schriften, meistens Helvetica oder Akzidenz Grotesk, wie langweilig. Öfter Buchseiten an der Grenze zur Fadesse, gerade noch annehmbar in der Gleichmässigkeit ihrer Ränder, zu grosse Wortabstände, reichlich scharfe Kanten, rauhe Ecken. Dort, wo eine Komposition richtig spannend und mit feiner Klinge geführt sein könnte: Abbruch. Ich hole aus, zu meinem Protest, zur typografischen Blosstellung, zur Vernichtung! - Doch muss ich mich geschlagen geben, denn diese Sicht greift zu kurz./

Das nahe Liegende
\ Als Buchgestalter hat Lars Müller auch die Konventionen des Grafik Designs hinter sich gelassen. Die Kargheit seiner Arbeit gründet nicht in einer mürrischen Ablehnung des Üppigeren, auch nicht in der Schweizer Überlieferung oder einer dogmatisch-alpinen Verhärtung. Die Form findet sich bei ihm nicht nur geschält und hülsenfrei, sondern in einem Zustand der Entkernung, im Transformalen. Die Form entleert sich ihrer Anmutung. Sie wird frei für die Kraft des Inhalts. Der feste Blick auf das Ganze verbietet den virtuosen Einsatz typografischer Kunststücke./

\ Der so geschaffene Raum entspannt sich zwischen mir und dem gesamten Buch, seiner Sinnlichkeit, seinen Seiten, den Bildern, den Texten. Ich habe die Wahl, sie wurde nicht für mich getroffen. Ich bin eingeladen, in Wertschätzung und Respekt vor meinen eigenen Fähigkeiten der Wahrnehmung. Ich erhalte Freiheit, zum Schauen, Sehen und zum Sein. Erst durch mich als Betrachter, mein Empfinden, meinen Hintergrund, meine Vorlieben, meinen Zugang zum Thema, erfährt das Buch seine spezifische Färbung. Nicht das Buch zeigt den Inhalt, sondern der Inhalt zeigt sich durch das Buch./

weicht dem näher Liegenden.
\ In den Büchern von Lars Müller und seinem Verlag werden Lebenskonzepte, Lebensabschnitte und Lebenskondensate von Künstlern, Architekten, Fotografen, Autoren geboten. Jeder Band ist ein Zeugnis der permanenten multiplen Buchschwangerschaft des Verlegers, in jedem steckt sein gegenwärtiger Schwellwert des Erfüllbaren. Das Programm, die Titel und ihre angemessen hochwertige Machart sprechen für sich selbst. Die Bücher halten zudem jedes Eselsohr aus, eingedrückte Ecken nach einer Kollision, Abwetzungen des Gebrauchs, sie scheinen selbst gegen den Staub der Zeit resistent zu sein./

Text
Clemens Theobert Schedler, Wien (A)
Gestalter