NORM
Jan-Tschichold-Preis 2003
NORM, Zürich
Gewinner des Jan-Tschichold-Preises 2003
Es gibt eine sehr bekannte Fotografie von Jan Tschichold, die gegenüber der Titelseite von Asymmetric Typography [die englische Version seines Buches Typographische Gestaltung) in Reproduktion abgebildet ist. Das Porträt zeigt ihn im Profil, verzückt-entrückt, offensichtlich die ausgeklügelte Finesse eines beendeten Werks begutachtend. Die Pose ist so fantastisch pompös - weit nach oben gezogene Augenbrauen, geschürzte Lippen, Daumen und Zeigefinger sich gerade eben berührend - dass sie ohne weiteres gestellt sein könnte. Und selbst wenn nicht, kann Tschichold eine solche Arroganz durchaus unterstellt werden, die ihm auf Grund seines Rufes als virtuoser Praktiker, der die Handwerkskunst und die Wissenschaft von Typografie und Schriftdesign miteinander verbunden hat, nachgesagt wurde. Gleich, ob als heroischer Modernist oder wiedergeborener Klassizist - Tschichold ging es in erster Linie darum, Inhalte zum Nutzen der Leser zu artikulieren.
Sechzig oder siebzig Jahre später geht es Dimitri Bruni und Manuel Krebs - genannt NORM - primär darum, Inhalte in ihrem ureigenen Interesse zu generieren bzw. zu gestalten. In der selbst erstellten Analyse und dem Manifest "The Things" wird beispielsweise die Erforschung von Raum und Symbolen auf die Spitze getrieben und dabei keineswegs eine wirklich praktische Informationssammlung geschaffen, die erschöpfende Darstellung von Möglichkeiten endet in sich selbst. Dies demonstriert, wie sich das Grafikdesign seit Tschicholds Zeit langsam aber sicher immer mehr um sich selbst dreht. Dass ein Buch ein Buch ist, genügt nicht mehr. Im Auftragswerk, das NORM für die "physiologischen Architekten" Décosterd & Rahm realisiert hat, sind die Texte am Anfang und am Ende in Hochglanzlack auf weissem Hochglanzpapier gedruckt. Einerseits ist dies sinnvoll - man kann dem Gedanken folgen, dass Raum, Licht und sinnliches Erleben thematisiert werden - andererseits jedoch auch blanker Unfug (der Text ist schlicht nicht lesbar).
Tschichold war leidenschaftlich, besessen und ein Perfektionist. Obwohl ich meine, dass NORM einer grundlegend anderen Dynamik folgen, stehen sie zu Recht als Erben dieser Qualitäten da: Ihr Werk ist zugleich extrem und zurückhaltend. Es ist nicht allzu schwierig, sie sich in derselben Pose wie Tschichold vorzustellen, wenn sie eine Arbeit vom Drucker zurückbekommen, wenngleich das Foto in ihrem Fall sicherlich gestellt wäre. Denn diese Art von Unschuld existiert nicht mehr: Sie würden sich unter dem Tisch treten, um zu versuchen, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen.
Stuart Bailey, Grafiker, London (UK) / Amsterdam (NL)
