Jossi Wieler

Jossi Wieler
© BAK/Gneborg

Jossi Wieler

Kooperativer Opernerneuerer

Schweizer Grand Prix Theater / Hans-Reinhart-Ring 2020

Jossi Wieler, geboren 1951 in Kreuzlingen, lebt heute in Berlin. Er zählt seit einem Vierteljahrhundert international zu den Erneuerern des Musiktheaters. Von 1972 bis 1980 lebte der aus einer liberal-jüdischen Familie stammende Wieler in Israel, wo er Schauspielregie an der Universität Tel Aviv studierte. 1980 kam er als Regieassistent ans Schauspielhaus Düsseldorf; danach inszenierte er kontinuierlich an Theatern in Deutschland und der Schweiz: in Heidelberg, Bonn, Stuttgart, Basel, Hamburg, München, Zürich, Berlin. Seine Inszenierungen erhielten zahlreiche Einladungen zu nationalen und internationalen Festivals, so auch mehrmals zum Berliner Theatertreffen: 1985 «Amphitryon»,1994 «Wolken.Heim.» von Elfriede Jelinek, wofür er auch zum Regisseur des Jahres gewählt wurde, 2002 «Alkestis», 2005 «Mittagswende». Jossi Wieler erhielt zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter 2002 den Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste Berlin, 2005 den Preis der deutschen Kritik, 2009 den Nestroy-Preis sowie 2019 den Kulturpreis des Kanton Thurgau.

Seit 1994 inszeniert er gemeinsam mit Sergio Morabito auch fürs Musiktheater. Ihre Zusammenarbeit ist geprägt vom gegenseitigen Dialog und von der sinnlichen Durchdringung der jeweiligen Partitur nach ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz für die Gegenwart. An der Staatsoper Stuttgart, deren Intendant Jossi Wieler von 2011 bis 2018 war, erarbeitete das Regie-Duo über 25 Produktionen. Ihre Inszenierung von Händels «Alcina» wurde auch in Edinburgh, Budapest, San Francisco und Lyon gezeigt. «Ariadne auf Naxos» bei den Salzburger Festspielen 2001 wurde zur Aufführung des Jahres gekürt. Jossi Wieler und Sergio Morabito wurden 2002 zum Regieteam des Jahres gewählt und erhielten 2006 für «Doktor Faust» und 2012 für «Glückliche Hand / Schicksal» den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Beste Opernregie. Für seine Arbeit in Stuttgart wurde er 2015 mit dem Kulturpreis Baden-Württemberg und 2016 mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnet. Die Oper Stuttgart wurde unter Jossi Wielers Leitung 2016 zum Opernhaus des Jahres gewählt, ausdrücklich für das als unverwechselbares Ensembletheater geführte Haus.

Ende Februar 2020 inszenierte er − erneut mit Sergio Morabito − «Les Huguenots» am Grand Théâtre de Genève. Gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, die eine fast vierzig jährige Zusammenarbeit mit Jossi Wieler verbindet, zeigten sie eine assoziationsreiche Interpretation dieser Oper, wie überhaupt immer in ihren Produktionen Bilder und Situationen eine besondere Nähe zwischen Bühne und Publikum schaffen und neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen.

«Proben, das ist ein gemeinsames Komponieren, so beschreibt Jossi Wieler seine Arbeit als Regisseur. Und: dass man ein Gehör füreinander entwickeln müsse. Seit vielen Jahren beschenkt uns Wieler mit klugen und sensiblen Schauspiel- und Operninszenierungen. Es sind eindringliche Kompositionen aus Gesten und Worten, Tönen und Bildern, die er seinem Ensemble ablauscht, mit Respekt vor jedem einzelnen, mit Respekt auch vor dramatischem Text und musikalischem Werk. Seine Arbeiten stellen Bezüge zu unserer Lebenswirklichkeit her, weil auch hier das genaue Hinhören gelingt. Die Widersprüche seiner Figuren sind unsere Widersprüche, nachvollziehbar, heutig, selbst im historischen Gewand. Man kann ihnen gut zuhören – weil sie uns etwas zu sagen haben und weil sie uns unaufgeregt auffordern ein Gehör füreinander zu entwickeln.»

Markus Joss, Jurymitglied