Kueng Caputo

Kueng Caputo
© Foto: BAK / Marc Asekhame

Kueng Caputo

Mit und gegen den Strom

Sarah Kueng und Lovis Caputo arbeiten seit zwölf Jahren zusammen. Als Kueng Caputo haben sie ein temporäres Kartonhotel eröffnet, ihre Mitstudierenden kopiert, Hocker aus einer Sand-Mörtel-Mischung hergestellt, Leder wie Stein aussehen lassen, Porzellanobjekte mit falschen Schatten besprüht, Standardziegelsteine mit Glasuren veredelt, Spaziergänge als Gesprächsöffner, um kritisch über Design nachzudenken, organisiert, Do-It-Yourself-Designs herausgegeben, und zurzeit wandeln sie gerade einen Stall in eine Wohnung um. Was in all dieser Vielfalt schnell auffällt, sind Kueng Caputos Wertschätzung für das Handwerk und ihr humorvollfarbiger Scharfsinn. Doch etwas anderes Tiefgründiges ist weniger augenfällig: ihre selbstreflexive und ernsthafte Haltung. Sie sind sich den Wogen und Wellen der Designwelt sehr bewusst.

Eines ihrer ersten Projekte als Duo war die gemeinsame Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste im Jahr 2008, in der sie sich dem diffizilen Thema der Kopie annahmen. «Im Design zielt man immer darauf ab, etwas Neues zu machen, will ja nicht kopiert werden, und doch spricht man ständig von Inspiration. Diese paradoxe Rhetorik beginnt schon in der Schule», sagt Lovis Caputo dazu. Sie kreierten eine Serie von Repliken, die jeweils einen Aspekt aus den Abschlussarbeiten ihrer Mitstudierenden isolierten und neu interpretierten. Diese «Kopien» wurden dann zusammen mit den Originalen an der Abschlussausstellung gezeigt. «Es wurde schnell klar, dass es um einen Dialog zwischen den Objekten ging», sagt Sarah Kueng. «Dadurch wurden die Originale jeweils genauer angeschaut, denn unsere Kopien wiesen nochmals auf Details hin.» Über das Projekt mit dem Titel Copy wurde in der Diplomjury kontrovers diskutiert, es wurde nur knapp als Abschlussarbeit akzeptiert. Kurz darauf zeichnete es eine andere Jury, die des Schweizer Designpreises des Bundesamtes für Kultur, mit ei-nem Preis aus. Was von einer Seite als zu sehr gegen den Strom schwimmend angeschaut wird, kann in einem anderen Kontext genau dafür gerühmt werden.

Als Teil der Auszeichnung gewannen Kueng Caputo eine sechsmonatige Residency in New York. Lovis Caputo wurde jedoch das Visum verweigert, sie organisierte sich stattdessen zeitgleich einen Aufenthalt in Japan. An beiden Orten stiess das Copy-Projekt auf sofortiges Interesse. In New York wurden sie von der Kunstgalerie Salon 94 eingeladen auszustellen und schon bald in deren Programm aufgenommen. Plötzlich fanden sich Kueng Caputo im Sog des damals aufkommenden Designsammlermarktes. In den folgenden Jahren kamen eine weitere Vertretung durch die dänische Galerie Etage Projects dazu sowie Einladungen von Galerien, Spaces, Museen, Messen und Biennalen. In diesem Kontext entstanden unter anderem die heute weithin bekannten Serien Sand Chairs und Never Too Much.

Dieser Markt, der durch Unikate und Kleinserien geprägt ist, ermöglichte Kueng Caputo einen Weg in die Selbstständigkeit ausserhalb der klassischen Massenproduktion. Auch heute ar-beiten sie teilweise noch im High-End-Segment: Erst kürzlich entwickelte das Duo eine Kollektion von Objekten für das Modehaus Fendi, welche an der Design Miami 2019 gezeigt wurde. Doch schon bevor der Sammlermarkt im Zuge der Finanzkrise abzuebben begann, verfolgten Kueng Caputo Projekte ausserhalb dieses Kontextes, Projekte, die eben nicht nur für die wohlhabende Schicht der Gesellschaft bestimmt sind. So kreierten sie über die Jahre mehrere Do-It-Yourself-Entwürfe. Auch unterrichten sie regelmässig an nationalen und vor allem an internationalen Designschulen und sehen dies als eine Gelegenheit, um über die gängige Designpraxis zu reflektieren und Lösungen mit Weitblick zu finden. Und oft arbeiten sie mit Handwerksbetrieben zusammen, deren Wissen es zu bewahren und zu fördern gilt. So entwickelten sie im Jahr 2016 als Teil eines japanischen Wirtschaftsförderprojektes in enger Zusammenarbeit mit der traditionsreichen Keramikmanufaktur Kin’emon Toen in Arita und unter der Leitung von Teruhiro Yanagihara die Porzellanserie Serie As If.

Immer mehr stellen Kueng Caputo auch Fragen nach der gesellschaftlichen Relevanz ihres Tuns, denn je länger sie als selbstständige Designerinnen durch diese Welt navigieren, desto mehr sind sie sich deren Strömungen und Kräften bewusst. Den Schweizer Grand Prix Design sehen Kueng Caputo als einen Moment zum Reflektieren. «Der Preis gibt uns die Möglichkeit, uns nach zwölf Jahren wieder neu zu positionieren, einmal anzuhalten und zu schauen, in welche Richtung wir als Nächstes gehen», sagt Lovis Caputo, und Sarah Kueng pflichtet bei: «Es ist eine Chance darüber nachzudenken, was wir als Menschen und Designschaffende in der Situation in der sich unsere Welt befindet, machen müssen.»

Corinne Gisel