Thomas Ott

Thomas Ott, 1966

Comiczeichner und Illustrator, Zürich

Tho­mas Ott (ge­bo­ren 1966) lebt in Zü­rich und ar­bei­tet als Co­mic­zeich­ner und Il­lus­tra­tor. Er stu­dier­te an der Kunst­ge­wer­be­schu­le Zü­rich und kre­iert ein­ma­lig ein­dring­li­che Dun­kel­wel­ten. Seine Ar­bei­ten wur­den in zahl­rei­chen Zei­tun­gen und Ma­ga­zi­nen in ganz Eu­ro­pa ver­öf­fent­licht. In sei­nen Wer­ken, vom Erst­ling Tales of Error bis hin zu sei­nem neu­es­ten Buch, A Hell of a Woman, ver­wen­det er die Schab­kar­ton­tech­nik auf immer raf­fi­nier­te­re Weise und ge­stal­tet aus­ser­ge­wöhn­li­che Fi­gu­ren und Sze­nen akri­bisch genau und de­tail­be­ses­sen. Gleich­zei­tig sind Otts wort­lo­se Ge­schich­ten viel­schich­ti­ger und kom­ple­xer ge­wor­den und las­sen ka­lei­do­sko­pi­sche Er­zäh­lun­gen ent­ste­hen, die so­wohl scho­nungs­los als auch hyp­no­ti­sie­rend sind.
Mit dem Schwei­zer Grand Prix De­sign 2017 wür­digt die Eid­ge­nos­sen­schaft Tho­mas Otts ein­zig­ar­ti­ge Rolle in der Schwei­zer Co­mic- und Il­lus­tra­ti­ons­sze­ne wie auch seine un­ver­wech­sel­ba­re in­ter­na­tio­na­le Aus­strah­lung. Es ist das erste Mal, dass der Schwei­zer Grand Prix De­sign an einen Co­mic­zeich­ner ver­lie­hen wird.

Essay

Grausam Gut

Uns ist kei­ner­lei For­schung zur Frage be­kannt, ob jeder Mensch nach 1945, zwi­schen Mos­kau und New York, in sei­nem Leben nicht einen To­ten­kopf ge­zeich­net hätte.
Aber auch ohne brauch­ba­ren Nach­weis sind wir davon über­zeugt, dass der To­ten­kopf ein nicht weg­zu­den­ken­der Teil des be­sag­ten kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis­ses ist - und wahr­schein­lich weit darüber hin­aus­geht.
Ver­schre­cker­an­stren­gun­gen und hys­te­ri­sche Droh­op­por­tu­nis­men mit­tels To­ten­kopf sind uns heute mehr denn je wie­der als Klein­geis­tangst be­kannt, wer­den ge­schürt, gebündelt und letzt­lich ri­go­ros kom­mer­zi­ell auf­ge­kocht, um brühwarm in jedem Wohn­zim­mer auf dem Tisch zu lan­den. Der To­ten­kopf ge­niesst und schweigt. Ott kommt spä­ter.
Gross­ver­die­ner und TV-Rea­li­ty­star Ro­bert Geiss aka Ro­ber­to Geis­si­ni sowie an­de­re Main­stream­gu­rus à la Tho­mas Sabo oder Ed Hardy ver­kau­fen ihre spie­gel­glat­ten Ei­er­köp­fe von der Stan­ge und un­ter­wan­dern dabei den gan­zen Spass an der Angst und den Re­spekt am Kult. Nicht gut.
Ihre Shirts, auf denen Schä­del, Kreuz und Ami-Flag­ge zum Tri­pty­chon der Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­schwim­men, pas­sen zu den auf­po­lier­ten To­ten­kopf-Klun­kern mit Stras­sau­gen wie die Faust aufs Auge. Gerät man auf dem Weg zum nächs­ten Tat­too­stu­dio dabei noch zu­fäl­lig ins Fo­to-Blitz­ge­wit­ter, reckt sich die Hand wie von al­lein zum Sa­ta­nis­ten­gruss. Fast wie in alten Tagen, als Guns N‘ Roses sich auch noch in die hin­ter­letz­te Stube der Jungs- und Mä­dels­hir­ne im Po­p­uni­ver­sum pflanz­te.
Wer sich mitt­ler­wei­le das Arsch­ge­weih auf­wän­dig hat weg­la­sern las­sen, schmückt sich neu­er­dings wie So­cie­ty-Auf­rütt­le­rin Cora Schu­ma­cher mit­tels To­ten­kopf­dirndl zum An- und Aus­zie­hen. Und das mit deut­lich we­ni­ger Ri­si­ko. Für wel­chen Kar­ne­val auch immer. Un­klar bleibt dabei, wer mehr ver­schreckt: die Trä­ger oder das Ge­tra­ge­ne.
In José Gua­da­lu­pe Po­s­a­das Kar­ne­val wird auch ge­fei­ert. Nur an­ders. Hier tan­zen die Ske­let­te fre­ne­tisch als Sym­bol der Ver­söh­nung zwi­schen Leben und Tod und ver­spot­ten dabei eine Ober­klas­se, die schon tot ist, bevor sie über­haupt ge­lebt hat. Ihre Schä­del grin­sen dia­bo­lisch und schwei­gen. Jetzt kommt Ott.
Wer schon ein­mal zu lange mit sich al­lei­ne ge­blie­ben ist und an­ge­fan­gen hat zu glau­ben, der Tod sei ein ge­fähr­li­cher, dunk­ler Quäl­geist mit lau­ter bes­tia­li­schen Fang­ar­men, be­greift da­nach viel bes­ser, dass Rea­li­tät und Fik­ti­on in der Wahr­neh­mung mehr mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, als es den An­schein hatte.
Wie lange Ott je­weils mit sich al­lei­ne ist und ins dunk­le Glas schaut, darüber kann man nur spe­ku­lie­ren, denn er fin­det den Tod grau­sam gut.
Bein­hart zer­legt er in sei­nen Ge­schich­ten die Suche nach dem Glück in blu­ti­ge Schei­ter­hau­fen, Men­schen mit dem Wunsch nach wohl­ge­ord­ne­tem Leben in einen Hau­fen kopf­lo­ser Hys­te­ri­ker.
Er be­freit den Men­schen vom Mensch­sein. Gro­tesk und spie­le­risch zeigt er, was pas­siert, wenn es doch zum Schlimms­ten kommt. Un­ab­ge­klärt meu­chelt er die Hoff­nung auf bes­se­re Zei­ten nie­der und fei­ert un­ge­niert die schlech­ten. Auf die­sem Höl­len­ritt nach unten ist kein Platz für Ge­fan­ge­ne. Nur so macht das Tot­sein rich­tig Spass.
End­lich kommt Klar­heit auf. Vom All­tag Auf­ge­fres­se­ne schau­en nach einem Leben in Fremd­be­stim­mung mit auf­ge­ris­se­nen Augen dem si­che­ren Tod ent­ge­gen - von ihnen selbst in­sze­niert. Oder war es doch nur ein schö­ner Traum?
Tot oder nicht tot - das ist hier nicht mehr die Frage. Im schweiss­trei­ben­den Schwarz­weiss­ge­met­zel haben sich längst alle Gren­zen auf­ge­löst und der Rand der Welt be­ginnt.
Mit In­brunst kämpft Ott für die ver­blei­ben­den ein­sa­men See­len der Ge­sell­schaft. Mör­der, Trin­ker, Pro­sti­tu­ier­te, böse Mütter, ab­ge­half­ter­te Träu­mer, alle bringt er mehr oder min­der er­folg­reich über die Run­den oder gleich um.
Den Rest heisst er als Kran­ke, Ver­lie­rer und ewig Ver­damm­te herz­lich will­kom­men auf sei­ner letz­ten Fahrt zum Fried­hof der un­schul­di­gen See­len.
PS:
Jim Mor­ris­son hört man nicht « The End » sin­gen. Der liegt auf einem an­de­ren Fried­hof.
A.C. Kup­per und Su­za­na Roz­kos­ny
Ori­gi­nal­fas­sung