Tilla Theus
«Solche Momente sind echte Freuden: wenn Bauherrschaften heute auf etwas verzichten, um der Zukunft Spielraum zu geben.»
«Dass es etwas noch nie gab, hat mich noch nie gestört, es ist eher Ansporn.»
«Ich weiss, wie man Renderings manipuliert – Licht, Perspektive, Brennweite. Das interessiert mich nicht. Ich möchte wissen, ob ein Raum trägt, ob er stimmt.»
Architektur mit Eigensinn
Seit ihrem Abschluss an der ETH Zürich und der unmittelbar anschliessenden Gründung ihres eigenen Büros im Jahr 1969 setzt sich Tilla Theus (*1943 in Chur) für eine eigenständige, einfühlsame Architektur ein. In einem von männlichhierarchischen Strukturen geprägten Umfeld ergriff sie ein Studium, das nicht den gesellschaftlichen und familiären Erwartungen entsprach: Architektur galt als zu technisch, zu anspruchsvoll und zu männlich. Ihr Eigen sinn, ihr innerer «Granit», den sie ihrer Bündner Herkunft zuschreibt, prägt ihr durch und durch unabhängiges Verständnis von Architektur.
Schon in den frühesten Arbeiten zeichnet sich Tilla Theus durch ihre grosse Sorgfalt im Umgang mit dem baukulturellen Erbe aus. Sie richtet das Augen merk auf die Bewahrung der inneren Logik der Bauten mit ihren Strukturen, auf ihre Räumlichkeit und ihre spezifische Nutzung. 1962 blieb die Rathauswache als isoliertes Reststück des historischen Zentrums von Zürich übrig. Ihre Arbeit gibt dem Gebäude durch den zeitgenössischen Anbau, der die klassizistische Säulenhalle verlängert, seine ursprüngliche Kraft zurück. Der maschinell ge schnittene Sandstein steht im Dialog mit den umliegenden Bauten. Im Gebäude inneren befindet sich die Kantonspolizei neben einem in Holz ausgebauten, auf die Limmat ausgerichteten Café.
Im Kontrast zu einer funktionalistischen, kalten, standardisierten Moderne konzentriert sich Tilla Theus’ Denken auf ein atmosphärisches Konzept, das sich explizit mit Begriffen wie Licht, Taktilität und Wahrnehmung ausein andersetzt. Dieses Interesse zeigt sich insbesondere in ihren sozialen Bau projekten wie dem Alters und Pflegeheim Grünhalde in Zürich, für das sie 1980 die Auszeichnung der Stadt Zürich für gute Bauten erhielt. In diesen sensiblen Lebensräumen setzt sie den Akzent auf Wohlbefinden, Würde und soziale Zuge hörigkeit. Ihr ethisches Verständnis von Architektur spiegelt sich in warmen, menschlichen Räumen wider, insbesondere in Bauten für oft marginalisierte Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen oder auch für Bewohnerinnen und Bewohner historischer Zentren. Ab 2021 betreute sie die Sanierung des 1915 erbauten Leuenhofs, der zu den markantesten Gebäuden an der Bahnhof strasse in Zürich gehört. Mit dem Umbau der früheren Bank wurde der Leuen hof für neue Nutzungen weiterentwickelt, wobei die architektonische Qualität und die historische Substanz des Ortes erhalten bleiben. Ihr Projekt legt die ursprüngliche Struktur frei und erlaubt eine Umnutzung der Schalterhalle. Der Schwerpunkt ist auf die räumliche Struktur und das Zirkulieren im Innern gerichtet.
Tilla Theus war schon zu Beginn ihrer Karriere an Grossprojekten interes siert. Die von ihr realisierten Baukomplexe zeigen einen hybriden, schwebenden, einfühlsamen Ansatz und stehen im Kontrast zu jeder spektakulären, stren gen Monumentalität. Sie stellen die geschlechtsspezifischen Hierarchien in der Architektur infrage, wovon auch der Bau des neuen Hauptsitzes der FIFA in Zürich zwischen 2003 und 2006 zeugt. Das natürliche Licht schimmert auf der leicht geneigten Glasfassade des Gebäudes und spiegelt die Lichteffekte, die der umliegende Wald entstehen lässt. Im Inneren verlängern Marmorböden und Wände aus lichtdurchlässigem Alabaster die atmosphärische Kontinuität in den Aussenbereich. Tilla Theus ist eine prägende Figur der Schweizer Archi tektur und folgt auch heute noch ihrer Berufung, pendelnd zwischen Zürich und Graubünden. Weiterhin führt sie ihr Büro mit dem gleich hohen Anspruch und der gleichen Unabhängigkeit, die ihren ganzen Werdegang gekennzeichnet ha ben. In Anerkennung ihres Schaffens erhielt sie 2023 den Bündner Kulturpreis.

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