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Fabrice Gygi

«Ich habe keine Lust mehr, diese Welt anzuschauen, sie mit kritischem Blick zu betrachten: Vielmehr möchte ich vor ihr fliehen, einen Ausweg finden.»

«Sogar die Skulpturen: Das waren immer nomadische Strukturen. Auch wenn sie für Macht standen, liessen sie sich in einen Lastwagen laden und transportieren, man konnte so etwas wie ein Camp aufbauen.»

«Ohne es wirklich vorausgesehen zu haben, glaube ich, dass das, was mich an der Geometrie seit Langem fasziniert, auch das ist, wovor ich fliehen möchte.»

Eine Ästhetik des Entkommens

Seit den Neunzigern entwickelt Fabrice Gygi (*1965 in Genf) – geprägt von der alternativen Hausbesetzerszene – eine Ästhetik des Entkommens. Seine Skulpturen, aber auch die Aquarelle, Drucke, Performances, Tätowierungen oder Schmuckstücke hinterfragen die Mechanismen der Autorität mit ihrem eigenen Vokabular: Planen, Regale, Zelte, Sandsäcke, Befestigungssysteme, Panzersperren, Metallzäune, Gurte. Solche Elemente werden durch Vergrösse­ rungen oder Abänderungen mit verschiedenen Kontexten verknüpft, etwa in Vigie, einem zwölf Meter hohen Wachturm, der an die Ausstattung eines Hoch­ sicherheitsgefängnisses erinnert. Das Werk wurde 2002 an der 25. Biennale von São Paulo gezeigt, wo Fabrice Gygi die Schweiz vertrat. Die Installation steht für die Überwachungsgesellschaft und kann als Echo der Stadt verstanden werden, in der sie gezeigt wurde: Eine Stadt, die aufgrund grosser sozialer Un­ gleichheiten von Gewaltproblemen geprägt ist.

Durch Materialien, die typischerweise in Notsituationen zur Anwendung kommen, unterstreicht Fabrice Gygi die Idee von nomadischen, fragilen Individuen in ständiger weltweiter Bewegung. An seiner Einzelausstellung am Swiss Institute in New York zeigte er eine Installation, die ein behelfsmässiges Abstimmungsbüro nachbildete, wie es etwa die Verwaltung eines kleinen Dorfes hätte anschaffen können. Solche Verfremdungen verleihen Gygis Werk eine starke politische Komponente. Für die 53. Biennale von Venedig von 2009, wo er erneut die Schweiz vertrat, füllte er die Kirche San Stae mit zwei Reihen von abgeschlossenen Metallregalen auf – Stauraum für eine Notreserve, der an militärische oder zivile Lebensmittellager für Krisenzeiten erinnert. Die Installation hinterfragt damit die doppelte Bedeutung des Beschützens: ge­ schütztes Denkmal und möglicher Zufluchtsort für die Zivilbevölkerung.

Nachdem er sich vorerst vom Mittel der Installation verabschiedet hat, verfolgt Fabrice Gygi die ikonografischen Aspekte des Gitters heute in Aqua­ rellen, in denen sich breite transparente Linien überkreuzen. Der Künstler wiederholt diese Arbeiten in verschiedenen Formaten und Farben, wodurch seine Geste zur meditativen Disziplin wird, die hier eher eine mentale als eine physi­ sche Loslösung zum Ausdruck bringt.

Fabrice Gygi lebt im Wallis und in Genf. Seine starke Verbundenheit mit der Umwelt und der Natur haben ihn in seiner Jugend dazu gebracht, mehr­ mals allein den Norden Kanadas zu durchwandern. Im Winter 2026 wird er sich erneut auf den Weg machen. Fabrice Gygis Suchen findet sich in seinem gesamten Schaffen wieder: Es ist das Streben nach Freiheit und der Drang, sich nicht im eigenen Gefängnis einzuschliessen. Fabrice Gygi hat sein Studium an der École des arts décoratifs sowie an der École supérieure des arts visuels in Genf abgeschlossen und unterrichtete an der École cantonale d’art de Lausanne ECAL sowie an der Haute école d’art et de design HEAD. Seine Arbeiten werden an grossen Einzelausstellungen in der Schweiz und im Aus­ land gezeigt, namentlich im MAMCO in Genf, im Centre culturel suisse in Paris oder im Le Magasin – Centre national d’art contemporain in Grenoble. Er hat an wichtigen Gruppenausstellungen im Palais de Tokyo in Paris, im Museum Ludwig in Köln oder im MoMA PS1 in New York teilgenommen. Seine Werke befinden sich in den Sammlungen zahlreicher Institutionen, darunter das MAMCO, das M HKA in Antwerpen und das Musée national d’art moderne – Centre Georges Pompidou in Paris. 2021 wurde er mit dem Prix de la Société des Arts de Genève ausgezeichnet. Im September 2026 widmet ihm die Galerie Skopia in Genf eine Einzelausstellung.