Eidgenössische Jury für Literatur
Das Wort ergreifen
Wir sind in eine neue Welt vorgedrungen: in einen Wald aus Zeichen, wo sich auf hohen Ästen Schwärme von Papageien niedergelassen haben. Künstliche, intelligente Vögel, so sagt man sich, die plappern und nachplappern, plappern und nachplappern – und uns das Echo unserer Worte als belangloses Geschwätz ohrenbetäubend an den Kopf werfen.
Zuerst amüsierte uns dieser Karneval der neuen Tiere, diese fantastische Sinfonie. Wir glaubten, in ihrem Pasticcio-Palaver unsere eigenen Gedanken und den Klang unserer Stimme wiederzuerkennen. Dann begannen wir ihnen zu antworten, sie zu füttern mit allem, was uns durch den Kopf ging, und ihnen die Erzählungen zu schenken, von denen wir leben. Getarnt mit den schillernden Federn des Fortschritts, den leuchtenden Farben der Technologie und der beeindruckenden Haube der Innovation unternehmen die Sprachräuber ihre zeitgeistigen Diebestouren und lauern mit offenem Schnabel über unserer geschundenen Landschaft, immer bereit, nach dem Besonderen des Menschlichen zu schnappen und uns das Wort zu entwenden.
Diese Tiere, die wir künstlich nennen und intelligent glauben, denen wir sogar Kreativität zutrauen, sind unter uns angekommen als Raubvögel auf dem fragilen Feld der Kultur. Sollen Sie nun unser kostbarstes Gut einfach so erbeuten? Nein: Züchten wir resistente Arten, deren Auftreten nicht erwartet wird. Verwenden wir Worte, die ihr Silizium-Trakt nicht verdauen kann. Erfinden wir Vorstellungswelten, die sich von der algorithmischen Lehre abwenden, aber umso nahrhafter sind für uns alle. Für uns Leserinnen und Leser, die wissen, dass ein Buch nicht eine Scheibe zum Streicheln ist, sondern ein Fenster zum Öffnen.
Während die Sprache gemeinhin flacher wird, abgestumpft von der Last des Vorhersehbaren und abgewürgt vom Produktionszwang, ist die Literatur die Wegbereiterin des tatsächlichen Fortschritts. Des Fortschritts, der darin besteht, den Fallen der Banalität auszuweichen und langsam die Höhen unserer gemeinsamen Geschichte zu erklimmen, um den Horizont zu erkennen, der sich uns öffnet. Eine neue Sprache für eine neue Welt zu finden.
Von diesem Ziel haben wir uns in lebendigen Debatten leiten lassen – für die ich Francesca Baranzini, Christa Baumberger, Dominique Bressoud, Valentin Decoppet, Lydia Dimitrow, Natascha Fioretti und Robert Leucht herzlich danken möchte. In den 178 eingereichten Werken haben wir nach Eigenheiten gesucht. Nicht nach der postkapitalistischen Fantasie des vom Computer überholten Menschen, sondern nach dem Mut zur einzigartigen Stimme, die kein mechanischer Vogel zu imitieren vermag.
Heute Abend feiern wir diejenigen, die sich ins Unwahrscheinliche wagen und nach dem nie Dagewesenen forschen. Angesichts dessen, was Günther Anders die «Apokalypseblindheit» nennt – die Unfähigkeit des modernen Menschen, sich die katastrophalen Folgen seines technischen Handelns vorzustellen – brauchen wir sie mehr denn je. Um uns sehen und hören zu lassen, um Geschichten zu spinnen, die uns miteinander verbinden, um dem Mythos der vollständigen Digitalisierung neue Mythen entgegenzuhalten, um Wege zu pfaden, die aus dem Wald des künstlichen Gezwitschers hinausführen.
Die Menschheit lässt sich nicht auf den Binärcode und das bezaubernde Trugbild der sprechenden Maschine reduzieren. Auch dann nicht, wenn der nachplappernde Papagei so wortgewandt wäre wie der Gris du Gabon aus dem gleichnamigen Roman von Corinne Desarzens. Unsere Leibhaftigkeit hat noch etwas zu sagen. Dafür sorgt die Literatur. Und ich wiederhole, wiederhole, wiederhole: Es ist unsere Pflicht, das Wort zu ergreifen.
Thierry Raboud
