Corinne Desarzens
Schweizer Grand Prix Literatur 2026
(*1952, Sète, Frankreich) ist eine französisch-schweizerische Schriftstellerin und Journalistin. Sie hat Russisch studiert und ist fasziniert von Sprachen und von der Kunst, Gespräche einzufangen. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und Reiseberichte, darunter Un Roi (Grasset, 2011) und L’Italie, c’est toujours bien (La Baconnière, 2018), und ist auch als Übersetzerin tätig. Als eine der grössten Stilistinnen der französischsprachigen Schweiz wurde sie 2021 für La lune bouge lentement mais elle traverse la ville (La Baconnière, 2020) mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Für Un Noël avec Winston (La Baconnière, 2022) erhielt sie den Prix Wepler und den Prix Michel-Dentan. In ihrem neusten Buch Le petit cheval tatar (La Baconnière, 2025) spürt Corinne Desarzens dem symbolträchtigsten unserer Sinne, dem Sehsinn, nach. Dabei untersucht sie anhand von Wissenschaft, Kunst und Geschichte die unerschöpflichen Spielereien und Kunstgriffe des Blicks. Sie lebt in Onnens (VD).
Corinne Desarzens – oder: Das tragbare Auge
«Die Welt ist ein rohes Ei, das jederzeit zerbrechen kann», schreibt Corinne Desarzens, die ebendiese fragile Einheit mit einer Virtuosität zelebriert, die in der Literatur der Romandie selten zu finden ist.
Tatsächlich umfasst das umfangreiche Werk dieser 1952 in Sète geborenen Westschweizer Schriftstellerin nichts weniger als die Welt. Seit rund dreissig Jahren und ebenso vielen eigenwilligen Büchern erfindet Corinne Desarzens die Regeln der Autobiografie neu. Sie befasst sich dabei nicht mit ihrem Ego, sondern, ganz im Gegenteil, mit dem Unbekannten, dem Zufälligen, dem Aussergewöhnlichen.
Wenn das Thema aber nicht das Ich ist, was ist es dann? Die Gespenster der Familiengeschichte, eine Zugreise von Lissabon nach Riga, ein italienisches Renaissance-Gemälde, ein Aufenthalt im Engadin, das Verhalten der Spinnen: Alles kann zum Auslöser werden – und schon blitzen Erinnerungen und die Fantasie auf und erhellen köstliche Kleinigkeiten (Wie sagt man Erdbeere auf Georgisch?), unnötiges Wissen (der Augapfel wiegt sieben Gramm) eine Fülle von Anekdoten (Churchills Hausschuhe aus grauem Antilopenleder) und einen Stapel von Zitaten, zusammengetragen aus der weitläufigen Geschichte des menschlichen Denkens. Mit diesen Glanzlichtern bereichert Corinne Desarzens ihr ausschweifendes Erzählen. Denn: «Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann» (Francis Picabia).
Bleiben wir aber beim Thema, oder besser gesagt bei der Bedeutungslosigkeit des Themas angesichts der Sprache, die es trägt und mit Ellipsen umspielt. Eine Sprache, die sich in Abschweifungen zu verirren scheint, aber mit tausenden gelebten Fragmenten, aufleuchtenden Erinnerungen und dem Nachklang ferner Sprachen wieder zurückfindet, zwischen diesen unerwartete Bezüge aufdeckt und daraus – auf fast schon wundersame Weise – ein Buch entstehen lässt. Und aus vielen Büchern ein Werk.
Bei Corinne Desarzens ist «jeder Satz eine Kreuzung». Wer sich in diesen hektischen Verkehrsstrom stürzt, muss bereit sein, seinen Plan über Bord zu werfen und sich vom Fluss des Lebens mitreissen zu lassen, der zwischen Nützlichem und Unnützem, zwischen Detail und Übertreibung, zwischen Traum und Intuition mäandriert. Ihr Fortbewegungsmittel ist der Gedankensprung, den sie abseits der bekannten Wege vorantreibt und nebenbei einige der ausdrucksstärksten Metaphern der französischen Sprache findet.
Dabei sieht sie doch so schlecht, diese «kurz- und altersweitsichtige» Schriftstellerin, die sich das Verschwommene zum Stilmittel gemacht hat, um das Wesentliche zu erkennen. Wer Corinne Desarzens liest, lernt, anders zu sehen, sich an bisher Übersehenem zu erfreuen.
Und was verbirgt sich jenseits des Offensichtlichen? Ein Ei. Und noch ein zweites. In ihrem neusten Buch, Le petit cheval tatar, in dem es selbstverständlich weder um Pferde noch um Tataren geht, schreibt sie: «Wenn es dem Auge gut geht, ist es so fest und tragbar wie ein hartgekochtes Ei.» Das Auge ist ein Ei und das Ei ist eine Welt, die wir in die Tasche stecken wie ein Buch, mit dem Wunsch, sie in Ehren halten.
Für die einzigartige Tiefe ihres Blicks, ihre umfassende, sehr vergnügliche Neugier und das Funkeln ihres Stils, aber auch für das unerwartete Glück, das sie uns beim Lesen immer wieder schenkt, wird Corinne Desarzens mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.

