Christian Viredaz
Spezialpreis Übersetzung 2026
Christian Viredaz (*1955, Oron-le-Châtel, VD) hat Sprachen und Literatur in Cambridge, Perugia und Lausanne studiert. Als Journalist, Literaturkritiker, Dichter und Übersetzer hat er dem französischsprachigen Publikum zahlreiche Tessiner und italienische Autorinnen und Autoren nähergebracht. Er hat in Bern zuerst beim Schweizerischen Roten Kreuz und anschliessend beim Bundesamt für Sozialversicherungen als Übersetzer gearbeitet und ist ausserdem als Mentor für junge Literaturübersetzerinnen und -übersetzer tätig. Er lebt in Les Rasses (VD).
Gut dreissig Jahre nach seiner Auszeichnung mit dem «Förderpreis der ch Reihe» wird Christian Viredaz nun für sein Gesamtwerk mit dem Spezialpreis Übersetzung des Bundesamts für Kultur geehrt.
Er hat selbst Gedichte veröffentlicht (1976 Calandres, 1983 Cendre vive, 1990 Tout le silence à naître, 1991 Feux de sylve und 1996 Vers l’autre rive) und stellt sein dichterisches Schreiben seit über vierzig Jahren auch in den Dienst der Autorinnen und Autoren, deren Texte er übersetzt.
Nach einer ersten Übersetzung des italienischen Philosophen Giorgio Colli von 1981 widmet sich Christian Viredaz einigen der wichtigsten Stimmen der Tessiner Literatur, die ihn seither durch sein Schaffen begleiten. Untrennbar mit ihm verbunden sind etwa Giorgio und Giovanni Orelli, Remo Fasani, Plinio Martini, Alberto Nessi, Piero Bianconi oder auch Fabio Pusterla und Dubravko Pušek. Diese Vorliebe für die italienische Sprache hindert Christian Viredaz nicht daran, auch deutschsprachige Autoren wie Francesco Micieli oder Franz Hohler zu übersetzen.
Für Novalis muss ein Übersetzer «der Dichter des Dichters» sein. So lässt sich auch das Schaffen von Christian Viredaz in vieler Hinsicht beschreiben. Übersetzen bedingt ein hohes Mass an Empathie, dank der die Essenz – oder zumindest das Echo – eines Gedichtes bewahrt wird. Durch das eigene Schreiben wird zum Ausdruck gebracht, was die übersetzten Autorinnen und Autoren in einer anderen Sprache hätten sagen können. Ohne jemals sich selbst nachzuahmen, gelingt es dem diesjährigen Preisträger, diese andere Stimme erklingen zu lassen und im Original die dichterische Verwandtschaft zu finden. Dies erlaubt es ihm, den Text aus seinem Innern heraus zu übersetzen und die feinen Nuancen zu erkennen. Solche Verwandtschaften sind vielleicht auch die Erklärung für die literarischen Freundschaften, die Christian Viredaz seit vielen Jahren begleiten.
Sein Schaffen ist umfangreich und vielfältig, was ihn aber nicht daran hindert, immer wieder nach neuer Begleitung für seine Abenteuer zu suchen: Während viele der Dichter, die er übersetzt hat, «grosse Brüder» waren oder zumindest aus der gleichen Generation stammten, widmet er sich auch den Werken jüngerer Autorinnen und Autoren wie Pietro Montorfani, Lia Galli oder Mercure Martini, dessen Texte der Slam-Poetry nahestehen. Die Verbindung zur neuen Generation schafft Christian Viredaz auch, indem er Übersetzerinnen und Übersetzer bei ihren ersten Arbeiten begleitet. Seine Präsenz in der Schweizer Übersetzungslandschaft ist stark, sei es an Fachtagungen oder an Literaturveranstaltungen, wo er Austausch und Weitergabe pflegt.
Das dichterische Schreiben entsteht aus der Fähigkeit, eine Stimme wiederzugeben, die in uns spricht, und nicht aus dem blossen Wunsch zu schreiben. Auch dank seiner ausgeprägten Fähigkeit zuzuhören ist Christian Viredaz zu einem der wichtigsten Literaturvermittler der letzten Jahre geworden. Dieser Spezialpreis Übersetzung würdigt zu Recht ein herausragendes Werk, das die Worte von anderen aufnimmt und sie wieder erklingen lässt – ohne jegliche Kompromisse hinsichtlich Qualität oder Schönheit der Sprache.

