Über den Jahrgang 2008

Vladimir Shinkarev. Gloomy Paintings/Cinema Paintings. Fotografie: Ian Brown, Oslo / Bibliothek Rijksakademie, Amsterdam
Vladimir Shinkarev. Gloomy Paintings/Cinema Paintings

Über den Jahrgang 2008


Der Wettbewerb "Die schönsten Schweizer Bücher" ist ein Instrument der eidgenössischen Designförderung, das die Qualität der Buchgestaltung in der Schweiz honoriert und fördert. Im Sinne einer nachhaltigen Förderpraxis verhelfen weitere Massnahmen dem Preis zu mehr Gewicht. Dazu gehört der Katalog, der die prämierten Bücher anhand des Juryberichts präsentiert und als Plattform für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Buchgestaltung dient. Weiter finden jährlich zwei Ausstellungen der prämierten Bücher im Museum für Gestaltung Zürich und im mudac Musée de design et d'arts appliqués contemporains in Lausanne statt, sowie kleinere Ausstellungen und Präsentationen der Bücher im Ausland. Ausstellung und Katalog verleihen der Auszeichnung Offentlichkeit und ermöglichen zudem den Austausch zwischen den Exponenten der Branchen Buchgestaltung, Druck und Verlagswesen.

Im Jahre 1998 übernahm das Bundesamt für Kultur (BAK) die Organisation des Wettbewerbs "Die schönsten Schweizer Bücher" vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband. Die Übernahme ging mit einer strategisch und inhaltlich neuen Ausrichtung einher, die auch heute noch Gültigkeit hat. Gemäss Reglement vertreten die Mitglieder der Jury die drei Bereiche Buchgestaltung, Buchherstellung und Verlagswesen - während die verschiedenen Institutionen und Verbände, die am Schweizer Buch interessiert sind, keine Vertreter in die Jury entsenden. Allein die gestalterische und berufliche Kompetenz ist für die Jurymitgliedschaft ausschlaggebend, was eine stärkere Gewichtung des gestalterischen Aspekts mit sich bringt. Mit der Öffnung des Wettbewerbs gegenüber dem Ausland wurde den produktionsbedingten Veränderungen auf dem Buchmarkt Rechnung getragen. In den zehn Jahren seit 1998 gelang es meiner Vorgängerin Mirjam Fischer, der Auszeichnung grosses Ansehen weit über die Landesgrenzen hinaus zu verschaffen, im Herbst 2008 übernahm ich die Organisation des Wettbewerbs und ich freue mich darüber, die Geschicke in diesem Sinne weiter voranzutreiben.

Der Wettbewerb hat sich zu einem eigentlichen Seismografen entwickelt: Er erfasst Trends und erkennt frühzeitig Tendenzen der zeitgenössischen Buchgestaltung und Buchproduktion, zugleich verfügt er über ein weit zurückreichendes historisches Gedächtnis. Die international besetzte Jury unter dem Vorsitz von Cornel Windlin zählt in diesem Jahr mit Lars Müller (Verleger) und Piär Amrein (Buchbinder und Dozent) zwei neue Mitglieder. Die Jury hat aus 395 Wettbewerbseingaben insgesamt 32 Bücher zu den schönsten Schweizer Büchern des Jahrgangs 2008 erkoren. Massgebend für die Beurteilung der Bücher waren die Idee und Konzeption, die grafische Gestaltung, die Typografie, die Qualität des Drucks und des Einbandes, die verwendeten Materialien sowie der Gesamteindruck. Der Jurybericht (ab Seite 92) macht die Auswahl transparent und nachvollziehbar.

Der vorliegende Katalog, zum zweiten Mal konzipiert und entwickeit von Laurenz Brunner und Tan Wälchli, widmet sich innerhalb der auf drei Jahre angelegten Trilogie dieses Mal der Gegenwart. Mit ihrem Fokus auf theoretischen und praktischen Aspekten der Buchgestaltung ist die Publikation einerseits das Abbild eines Auswahlverfahrens, das sich eingehend mit ästhetischen und produktionsspezifischen Fragen auseinandersetzt, andererseits dient sie als diskursive Plattform, um die im Wettbewerb relevanten Faktoren in einem weiteren Kontext zu verhandeln. Der Katalog ist in drei Teile gegliedert. Das Interview wurde im Anschluss an die diesjährige Jurierung durchgeführt und greift die virulenten Themen und Diskussionspunkte dieses Wettbewerbsjahrgangs auf. Im Essayteil werden mehrere dieser Themen vertieft, etwa das Verhältnis zwischen Design und Kunst und die Relevanz dieser Unterscheidung im Kontext der Buchgestaltung, der Wandel der Produktionsbedingungen von bis hin zu handgefertigten Büchern in Eigenherstellung, die Vermarktung des Kunstbuchs in Zeiten schrumpfender Absatzmöglichkeiten oder die Rolle des Designers als Autor versus Rundum-Dienstleister. Den dritten Teil des Katalogs bildet der umfangreiche Jurybericht in Wort und Bild, der das Urteil der Jury möglichst konzis wiedergeben und nachvollziehbar machen soll, aber auch Gestalter zu Wort kommen lässt und konzeptionelle wie technische Hintergründe zu den prämierten Büchern liefert.

Die inhaltliche Diskussion, die im Katalog angeregt wird, soll von der Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich und im mudac in Lausanne aufgenommen und weitergeführt werden: Erstmals werden neben den prämierten auch alle anderen eingereichten Titel dieses Jahrgangs in der Ausstellung zu sehen sein - insgesamt 395 Bücher. Die neue Ausstellungs-Szenografie wurde von Florian Kräutli und Katharina Ludwig entwickelt und präsentiert sämtliche Bücher auf einer Ellipse, die wie ein riesiges Bücher-Domino anmutet. Der Wettbewerb stellt sich auf diese Weise der Öffentlichkeit und lädt die Besucher dazu ein, sich über das Spektrum der Eingaben selbst ein Bild zu machen, über Qualitätsfragen zu diskutieren und die prämierten Bücher innerhalb eines grösseren Zusammenhangs wahrzunehmen.

Überdies sind auch dieses Jahr zahlreiche kleinere Ausstellungen im Ausland geplant, darunter in Paris, Berlin, London, Birmingham, Amsterdam, Brüssel und Riga. Meistens entstehen diese Präsentationen auf Initiative von lokalen Akteuren, darunter Hochschulen, Kulturinstitute, Gestalter und Drucker. Damit erreichen wir gezielt ein interessiertes, lokal vernetztes Fachpublikum und freuen uns besonders, dass Die schönsten Schweizer Bücher als Botschafter in aller Welt auf so viel positives Echo stossen.

Anisha Imhasly
Verantwortlich für den Wettbewerb Die schönsten Schweizer Bücher
Bundesamt für Kultur, Bern

Jury

Cornel Windlin, 1964, Küsnacht, Präsident
Grafikfachklasse an der Schule für Gestaltung in Luzern, danach sechs Jahre in London bei Neville Brody und THE FACE. Seit 1993 eigenes Studio in Zürich. Tätig für Museen und kulturette Institutionen im In- und Ausland, und die Kunstzeitschrift Tate Etc. 2001/2002 war er verantwortlich für den Neuauftritt und das Gesamterscheinungsbild des Schauspielhauses Zürich unter der Direktion von Christoph Marthater, und neu wieder ab der Spielzeit 2009/2010 unter Barbara Frey. Mit Stephan Müller gründete er 1994 Lineto, ein Label unter welchem eigene und andere Schriftentwürfe veröffentlicht werden. Seit 2004 zeichnet er für die Konzeption und visuelle Gestaltung der Vitra Home Collection verantwortlich.

Piär Amrein, 1957, Zürich
Berufslehre als Handbuchbinder, Papier- und Buchrestaurator an der bayerischen Staatsbibliothek München, Sozialpädagogik an der Hochschule für soziale Arbeit, Zürich. Lehrbeauftragter für Buch- und Papierarbeiten an der Zürcher Hochschule für Gestaltung ZHdK, Fachlehrer für Buchbinderei an der Zürcher Berufsschule für Gestaltung. Mehrere Ausstellungen im In- und Ausland mit Schwerpunkt Papier und Gebrauchsgrafik.

Lars Müller, 1955, Oslo (NO)
Gestalter und Verleger. Gründete 1982 ein Atelier für visuelle Kommunikation in Baden (Integral Lars Müller) und ist seit 1996 Partner von Integral Concept, einer internationalen Verbindung für transdisziplinäre Kompetenz. Seit 1985 regelmässige Lehrtätigkeit, aktuell an der Harvard University Graduate School of Design. Seit 1983 verlegerische Tätigkeit mit internationaler Ausrichtung in den Bereichen Architektur, Design, Kunst, Fotografie, Gesellschaft. Lars Müller ist Mitglied der Alliance Graphique Internationale.

Paul Neale, 1966, Ashby-de-la-Zouch (UK)

Grafikstudium an der Saint Martins School of Art und an der Central School of Art and Design 1985-1988 sowie am Royal College of Art, 1988-1990. Lehrtätigkeit in Typografie und Design am Central Saint Martins, 1991-1997. Zusammen mit Andrew Stevens und Nigel Robinson gründet er 1990 das Designstudio Graphic Thought Facility.

Linda van Deursen, 1961, Amsterdam (NL)
Grafikstudium an der Gerrit Rietveld Academie. 1986 Beginn der Zusammenarbeit mit Armand Mevis. Mevis & van Deursen arbeiten für Kunden aus dem Kulturbereich und zeichnen verantwortlich für die neue visuelle Identität des Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, für das Corporate Design von Viktor & Rolf sowie für zahlreiche Bücher im Bereich von Kunst, Architektur und Design. Leiterin des Graphic Design Department an der Gerrit Rietveld Academie und tätig als Gastdozentin an der School of Art der Yale University, New Haven, Connecticut.