Jan-Tschichold-Preis

Ghost Knigi, Nieves Verlag, Zürich, 2011 / Oskar Tiger, Kein & Aber AG, Zürich, 2011
Ghost Knigi & Oskar Tiger

Nieves

Jan-Tschichold-Preis 2009

13.46 Uhr, Sonntag, 15. März 2009: Heute ist der Abgabetermin für diesen Essay. Wie üblich bin ich im Verzug, aber die Hartnäckigkeit der Herausgeber liess mir klar werden, dass der Essay morgen früh tatsächlich vorliegen muss. Und so setze ich an, meine Beziehung zu Nieves zu beschreiben - als Künstler, Verleger, Buchhändler und Buchsammler.

Als ich zum ersten Mal ein Nieves-Fanzine sah, war ich natürlich wie alle bezaubert. Das reizende, aber bescheidene Format, die Konsistenz des Produkts und die redaktionelle Choreografie, die so geschickt und so modern wirkt, erstaunten mich zuerst und brachten schliesslich ein Lächeln auf mein Gesicht. Bei Printed Matter, der Künstlerbuchhandlung in New York, haben wir jederzeit 15 000 Titel an Lager. Natürlich zögern wir immer, zu viel zu bestellen. Und gerade Fanzines werden, wie wir alle wissen, leicht beschädigt oder rutschen zwischen Bücher und verschwinden. So bestellten wir zunächst nur ganz vorsichtig hier und da kleine Mengen von Nieves-Fanzines.

Doch schnell stellten wir fest, dass unsere Angestellten die meisten Exemplare selbst kauften, kaum waren sie ins Haus geflattert, und dass Leute nach Nieves zu fragen begannen. Es ist ein - und Flüsterproganda- Verlag - entschuldigen Sie die Metaphernvermischung -, und ein junges, hippes und sehr intelligentes Publikum dürstete schon bald nach den Produkten. Also platzierten wir bei Nieves einen Dauerauftrag für jedes Fanzine und Buch, und auch ich begann, alle Nieves-Fanzines zu sammeln.

Obwohl ich seit mehreren Jahrzehnten Künstlerbücher sammle, ist dies das erste Mal, dass ich mich so vollständig darauf verlasse, dass sich der Geschmack und das Programm des Verlegers mit meinem eigenen deckt. Vielleicht rührt dies daher, dass Benjamin Sommerhalder, der hinter Nieves steckt, nicht so sehr ein klassischer Verleger ist, sondern vielmehr jemand, der Künstler-Fanzines und den Prozess des Verlegens selbst liebt. Die Fanzines erscheinen alle im gleichen Format, jedes in einer nummerierten Auflage von nur 150 Stück, und Benjamin produziert sie unkompliziert, aber sehr präzis - absolut schweizerisch! - auf einer Fotokopiermaschine, zuerst zuhause, dann im örtlichen Kopiergeschäft. Der selbstgemachte Aspekt der Herstellung ist sehr offensichtlich und er ist entscheidend für den Charme und die Intimität der einzelnen Fanzines. Der Ausdruck mag eine Platitüde sein, doch hier trifft er völlig zu.

Es ist gerade diese -Ästhetik von Nieves, die mich anspricht. Mitte der sechziger Jahre gehörte ich zu einer Gruppe, die eine Kommune und eine freie Schule gründete und eine Untergrund-Zeitung mit dem unwahrscheinlichen Titel The Loving Couch Press () herausgab. Unsere Zeitung nutzte die Möglichkeiten des Rollenoffsetdrucks, jener Erfindung, die erstmals Zeitungen mit niedrigen Auflagen möglich werden liess und eine Explosion von Untergrund-Zeitungen auslöste - mitunter die Untergrundkultur überhaupt - , die in ganz Nordamerika und Europa erschienen. Eine Zeitung war plötzlich etwas, das man zuhause in der Küche herstellen konnte, und alle machten mit. Einige Jahre später wurde ich Mitglied der Künstlergruppe , einer Art Minikommune, wenn man so will. Und 1972 starteten wir FILE Megazine, das im Wesentlichen eine Tabloid-Zeitung war, eingehüllt in eine Hochglanzimitation der Titelseite von LIFE Magazine, zugleich glamourös und proletarisch. Durch FILE trafen wir erstmals John Armleder und seine Gruppe von Freunden in Genf, die einen Schablonen-Vervielfältiger im Hinterzimmer von Ecart stehen hatten und gelegentlich kleine Künstlerbücher druckten und an ihre Freunde verschenkten. Diese kleinen Bücher, die wir heute Fanzines nennen würden, sind offensichtlich die Vorfahren von Nieves. Ich fühle mich auch - und dies scheint mir ein wesentlicher Aspekt - an die Plakate auf den Strassen von Paris während der Unruhen von 1968 erinnert, die von Künstlern in ihren Ateliers und in Kunstschulen mit jenen Drucktechniken hergestellt worden waren, die sie gerade zur Hand hatten. Dieser Moment markiert den Anfang des Selbstverlegens, einer Bewegung in Opposition zum Kapitalismus, die erst zehn Jahre später mit der intensiven Blütezeit der Punk-Fanzines einer breiten Öffentlichkeit vertraut wurde.

Der do-it-yourself-Aspekt von Nieves umfasst die Erinnerung an eine Geschichte, die sich über vier Jahrzehnte spannt, und er wirkt trotzdem immer noch absolut frisch und auf eine höchst unwahrscheinliche Weise so konsistent wie eine Schweizer Uhr. Die drei monatlichen Zines werden gelegentlich mit einem Buch angereichert, dem Fleisch im Programm, ohne das der wesentliche Geschmack verloren ginge.

In den letzten Jahren habe einige Kleinverleger das Nieves-Modell nachgeahmt: Utrecht in Tokio und Islands Flow in Kanada beispielsweise. Nieves hat das Verlagswesen umgewälzt, aber nicht durch Marketing oder geschickte Vertragsabschlüsse, sondern ganz einfach durch die Entwicklung eines Modells, das passgenau den technischen Möglichkeiten und dem Zeitgeist entspricht. In der wirtschaftlichen Rezession bietet es ein Modell dafür, wie man mit wenigen Mitteln viel erreichen kann, und es wird trotz der gegenwärtigen Widrigkeiten weiterblühen. Während Nieves eine Art Alternativ-Wirtschaft zu verkörpern scheint, wird nun - inmitten des Niedergangs der grossen Verlagshäuser und des Aufstiegs von Amazon - offensichtlich, dass das, was einst als blosses betrachtet wurde, in Wirklichkeit der Beginn einer neuen, diffuseren Wirtschaft ist, in der das Verlegen und viele andere Formen der Produktion in einer bedeutend demokratischeren Weise von unten kontrolliert werden. Joseph Beuys hätte seine Freude gehabt! Mit Bescheidenheit und Intelligenz weist Nieves den Weg in die Zukunft, hin zu einer Methode nachhaltiger ökonomischer Entwicklung, die sich der Hybris von Geld und Macht entzieht.

Aber nicht nur dies - Nieves erreicht die Umwälzung durch die Veröffentlichung von einmaligen Künstlerpublikationen in einer Mischung, die ein Gespräch unter Gleichgesinnten anregt. Jeden Monat stecke ich drei neue Fanzines in meine Nieves-Schachtel, und das macht mich glücklich.

AA Bronson
Künstler und Direktor, Printed Matter
New York City, USA