Jan-Tschichold-Preis

'Setareh Shahbazi: Oh no, no... - The Crystal Series'
Aude Lehmann
© Cortis & Sonderegger, Zürich

Aude Lehmann

Jan-Tschichold-Preis 2008

Der erste Blick auf die gestalterische Arbeit von Aude Lehmann nährt den Eindruck einer quasi neutralen, signaturlosen visuellen Sprache. Ganz gemäss modernistischen oder neomodernistischen Vorstellungen scheint die Gestalterin als Autorin hinter die Dienstleistungsaufgabe zurückzutreten. Dieser Entscheid ist bewusst. Und er ist kein Verzicht. Vielmehr geht er auf das Interesse für eine integralere Auffassung von Gestaltung zurück, die sich gegen eine visuelle Sprache als pures Logo kehrt. Diese Auffassung reduziert die Gestaltung nicht auf die Oberfläche, auf die Erscheinungsebene. So können hier formale Entscheidungen stattfinden, die in die Nähe des Allgemeinen und Nichtindividuellen tendieren. Das könnte man den nicht-manieristischen Ansatz von Aude Lehmann nennen. Was stattdessen in den Vordergrund rückt, ist eine engagierte Auseinandersetzung mit der Kommunikation des gesamten Projekts: Dies reicht hinein in die Integrität der einzelnen Bestandteile und kann auch konzeptionelle und redaktionelle Aspekte umfassen.

Es erstaunt deshalb nicht, dass Aude Lehmann neben den diversen Auftragsarbeiten - wovon viele im Bereich von Kunst und Kultur liegen - auch ein eigenes Publikationsprojekt in Angriff genommen und (zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Tan Wälchli) realisiert hat: 2004 begannen Wälchli und Lehmann eine dreiteilige Publikation mit dem Namen Whyart, wovon die ersten beiden Bände Aura und Glamour bereits erschienen sind; in Bälde folgt die Veröffentlichung des Bandes Mode. Für Inhalt und Form sind die Koautoren verantwortlich. Symptomatisches Detail: Für diesen dritten Band hat Lehmann eine Modestrecke konzipiert und dafür kurzerhand eine Modelinie entworfen, die den eigenen Vorstellungen davon gerecht wird. Erneut ein modernistischer Impuls, doch ist der Absolutheitsanspruch insofern relativiert, als die Modestrecke primär entstanden ist, um eine Fiktion zu ermöglichen oder - anders gesagt - um ein Spiel zu initiieren, das nach dem Ort von Gestaltung fragt. Dieses topologische Interesse weist Lehmann denn auch als Gestalterin aus, die postmoderne Konstruktionsprinzipien wie Sampling, Zitat, mise en abîme etc. verinnerlicht hat. Die interessante Spannung, die dadurch entsteht, liegt irgendwo zwischen dem historischen Projekt einer authentischen Kommunikation der Moderne und einer auf Fiktion ausgerichteten gestalterischen Epistemologie jüngeren Datums.

Was ist der Ort der Gestaltung? Wie verortet sich Gestaltung? Die Frage hat einen buchstäblichen Sinn und natürlich einen übertragenen. Buchstäblich gesehen, ist Gestaltung immer nur Oberfläche. Bei Büchern, dem primären Medium von Lehmann, bedeutet dies: die einzelne Seite, ihr Format und ihre Binnenstruktur, bestehend aus Text, Bild, Fläche, Materialität, aber auch die narrative Struktur, die Abfolge der Teile, Chronologie und des Lese- und Blick-Flusses. Im übertragenen Sinn bedeutet es: Aspekte der Formate von Publikationen, ihre Geschichte und ihre Codiertheit. Hierin kommt der Aspekt von Lehmanns Arbeit zum Ausdruck.

Ein instruktives Beispiel dafür ist Album - On And Around Urs Fischer, Yves Netzhammer, Ugo Rondinone und Christine Streuli, Participating at the 52nd Venice Biennale, 2007 (ein Projekt, bei dem ich Herausgeber war). Das Vorgehen bestand zunächst darin, eine Analyse des Kontextes - eine internationale Kunstausstellung - zu leisten, bevor mögliche Publikationsformate diskutiert wurden. Und natürlich auch die Frage, wie in solchen Kontexten Publikationen eingesetzt und gebraucht w erden: Laufen sie primär auf eine mehr oder weniger noble Form von Promotion hinaus oder erfüllen sie tatsächlich diskursive Funktionen? Wie auch immer die Antwort ausfiel, klar war, dass man hier nicht nur nach der besten Wahl fragte, sondern eine Auseinandersetzung mit der Symbolik von Funktionen evozierte, die in der Kommunikationsgesellschaft alle betreffen und vielen geläufig sind, nämlich als Aussage auf der Ebene von Codes.

Die Frage, die sich bei einem integralen Konzept von Gestaltung aufdrängte: Wie sollte man sich zu Standards und Gewohnheiten von Publikationen in diesem Kontext stellen? Wie die gleichzeitige Nähe und Distanz zum Standard definieren? Der Prozess lief darauf hinaus, ein Format zu wählen, das die Heterogenität des Inhalts bereits auf der Ebene der Form legitim ierte bzw. sinnfällig machte, in diesem Fall eine Art Reader. Als Reader stellte die Publikation zugleich ein formales Zitat einer Publikationsform dar, die den Diskurs privilegiert, mit anderen Worten: eine argum entative Auseinandersetzung mit Kunst. Darüber hinaus erlaubte die inhärente Heterogenität einige inhaltliche Zusätze, die über die vier zentralen künstlerischen Einzelpositionen hinaus auch den Ausstellungskontext sowie einige kulturwissenschaftliche Obsessionen der Gegenwart thematisierten.

Genau in diesem Sinn gewinnt der Begriff der Gestaltung bei Lehmann seine konzeptionelle Dimension. Gestaltung ist die sinnfällige Lösung einer Aufgabe einschliesslich einer Reflexion der Geschichte und Potenziale unterschiedlicher formaler und visueller Codes. Diese Reflexion bezieht sich streng auf die Gegenwart, auf gegenwärtige Konventionen, Routinen und Standards, auf Trends, auf den Zeitgeist, auf die Moden. Die Position von Aude Lehmann ist dabei, soweit ich das sagen kann, nicht Erfüllung oder gar Imitation dieser Standards, sondern eine intelligente, eigenwillige und - wenn dies auch paradox klingen mag - komplizitäre Form von Widerstand. Vielleicht hat dies mit ihrem Verständnis von Kommunikation zu tun, die nicht als subjektiver Akt wirksam werden kann, sondern eher als eine Neu-Investition der Konventionen einschliesslich der Reaktivierung historischer Codes (Geschichte als Impuls und Korrektiv). Gerade diese Reaktivierung historischer Codes beinhaltet, da ja einiges an Unvorhergesehenem Platz darin hat, intellektuelle und strategische Potenziale, die für eine tiefer gehende Auffassung von Gestaltung relevant sind. All dies realisiert Aude Lehmann - durchdrungen vom integralen Ansatz modernistischer und neomodernistischer Gestaltung, der eine zwingende Interaktion der Materialitäten von Papier, Druck, Typografie, Farbe, Ausrüstung etc. anstrebt - als materiell kommunizierende Sprache, das heisst als eine Sprache, die sich körperlich, in der Berührung durch Auge und Hand, realisiert.

Daniel Kurjakovic
Kunsthistoriker, freier Kurator, Zürich