Jan-Tschichold-Preis

Gilles Gavillet & David Rust

Gavillet & Rust

Jan-Tschichold-Preis 2006

Gavillet & Rust. Zwischen Ökologie der Zeichen und Wiederbehausung der Moderne
Lionel Bovier

Ich habe Gilles Gavillet und David Rust 1995 während meiner Lehrtätigkeit an der ECAL, Ecole cantonale d’art de Lausanne, kennen gelernt. 1998 ging Gavillet nach Zürich zu Cornel Windlin. Rust wurde Professor für neue Medien in der Abteilung Visuelle Kommunikation, wo er auch studiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Grundlagen des Projekts Optimo bereits gelegt: ein Faltprospekt kündigte seine Gründung an in Form einer «Website zu einer virtuellen Schriftgiesserei, aufgebaut wie ein Unternehmen mit einem komplexen Organigramm, einer Ton- und Bilddatenbank sowie einer Kleiderlinie» (ECAL, Collection Produits Nr. 2, Lausanne 1998). Das Schriftenlabel Optimo war zwar in erster Linie bestimmt für Entwurf und Edition neuer typografischer Schriften, wollte aber gleichzeitig auch eine Debatte über die letzten Überreste des Modernismus führen «so wie er sich noch in den gebräuchlichsten Kommunikationsmodellen, im Trennungsprinzip zwischen «privat» und «öffentlich», im Habitat oder in den da und dort im soziokulturellen Umfeld wie erratische Blöcke ruhenden Utopien manifestiert» (ibid.). Das bedeutete auch, dass sich Optimo von Anfang an für die Begriffe Originalität und Ursprung, Anwendung und Projekt interessierten und sich weniger dafür einsetzten, Grafik, Musik oder Mode als solche voranzutreiben. Optimo war daran nur insofern interessiert, als dass sie vom geschützten Rahmen dieser mehr oder weniger institutionalisierten Kunst- und Kulturräume profitieren konnte, um Projekte, Modelle oder Diskussionen zu generieren, die auf das Wirkliche zurückführen können.

Diese Fragen stellen sich direkt bei der Neuverhandlung des Territoriums zwischen Kunst und Design, Kultur und Industrie, welche die zweite Hälfte der 90er Jahre bestimmten. Dieses Design in an expanded field, um den Titel einer Serie von Gesprächen, die ich seit dieser Zeit leite, aufzunehmen, entspricht perfekt der von Gavillet & Rust gewählten Option: Ohne etwas von der Besonderheit ihres Metiers aufzugeben, wie dies ihre typografische Spezialisierung belegt, beanspruchen sie dialektisch einen künstlerischen Anspruch in ihren Projekten. So beispielsweise beim Katalog Die schönsten Schweizer Bücher 2000 (BAK, Gavillet & Windlin) oder bei Aufträgen für die EPFL, bei denen Gavillet & Rust ihrerseits Fotografen wie Armin Linke oder Isabel Truniger engagierten. Die Werke Across/Art/Suisse/1975-2000 (Skira/Le Seuil, Mailand & Genf 2001) und 25th International Biennial of Graphic Arts Ljubljana (JRP Editions, Genf 2003) sind Resultate einer konkreten Auseinandersetzung mit ikonografischen und editorialen Fragen. Sie stehen für ein starkes grafisches Projekt, das untrennbar mit dem projet éditorial verbunden ist.

Heute nimmt das Schriftenlabel Optimo auch andere Designer auf, und die vertriebenen Fonts sind in zahlreichen Magazinen erschienen, von Vogue Hommes bis GQ Deutschland oder Outside Magazine (Condé Nast), in Publikationen oder auf Plakaten.

Als ich 2004 JRP| Ringier gründete, schien es mir deshalb klar, dass ich Gavillet & Rust nicht nur für die Realisierung der visuellen Identität des Unternehmens und seiner Internetseite usw. verpflichten wollte, sondern auch für die Definition der editorialen Typologien.

Im Rahmen der Tagung Typecon 2003 in Minneapolis erklärten Gavillet & Rust: «Die Welt ist geschrieben, aber man muss sie auch lesen können... Die visuelle Alltagswelt ist voller Zeichen; von Tageszeitungen zu Lebensmittelverpackungen, von Gebrauchsgegenständen zu Kleidern, von Fahrzeugen bis hin zu Gebäuden durchstreift man einen unendlichen Zeichenwald. Und man täusche sich nicht: Seine Durchlässigkeit ist nur die Gegenseite zur eigenen. Beim Durchschreiten der alltäglichen Umgebung wird man von «gebündelten Strahlen» von Logos, visuellen Identitäten, Gedrucktem und Bildern durchbohrt. Folglich ist die Typografie in je dem Moment und an jedem Ort des Alltags gegenwärtig. Typografie als einer der Hauptbestandteile eines Wortes, ist Teil der Atmosphäre und des Austauschs. Sie hat damit Einfluss auf die Vermittlung, indem sie mit Zufall und Brüchen oder mit Transparenz und Opazität spielt.» Diese Aufmerksamkeit für alltägliche Zeichen, diese Reflexion über ihren Gebrauch und ihren Einfluss zeigen vielleicht am besten den Ehrgeiz von Gavillet & Rust. Eine Mischung aus Neomodernität (Vorzug von Makro- gegenüber Mikrolösungen, Transparenz, Effizienz, problem-solving, usw.) und postmodernistischer Konfrontation mit der Art, wie Alltagswelt und Design interagieren; Gaville & Rusts Sprache schillert zwischen Reintegration und Dekonstruktion der Regeln. Zweifellos ist der helvetische Kontext in dieser Position nicht ohne Bedeutung, in der Nähe von Designern wie Cornel Windlin oder Norm, aber auch Parallelen zur aktuellen künstlerischen Praxis sind auszumachen (Cady Noland, Liam Gillick, Kelley Walker usw.). Man könnte auch sagen, man habe es hier mit einer Form von Ökologie der Zeichen der Moderne zu tun. Wenn die modernistischen Formen, wie dies Künstler und Theoretiker der Postmoderne behaupten, den Höhepunkt des Kapitals repräsentieren, ist man mit einer einfachen Alternative konfrontiert: Dieses Erbe als Ganzes zurückzuweisen oder sich dessen Formen wieder anzueignen. Es scheint, dass Gavillet & Rust die zweite Richtung eingeschlagen haben, eine Art, das Moderne neu zu behausen...