Über den Jahrgang 2000

Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 2000

Über den Jahrgang

Kurswechsel
Lorette Coen, Präsidentin der Jury
«Die schönsten Schweizer Bücher»

Viele dachten nicht mehr daran und vernachlässigten es, ihre Werke einzuschicken, andere erwarteten die Ergebnisse des Wettbewerbs «Die schönsten Schweizer Bücher» so spannungslos wie das alljährliche Fallen des Herbstlaubs. Einigen jedoch, die Wert auf die Tradition in der Branche legten, ging es immer noch um mehr. Die Zeiten hatten sich geändert; die grafischen Berufe hatten inzwischen Entwicklungen, Elektroschocks und Umwälzungen durchlaufen. Um seinen Daseinszweck zu bewahren, musste sich der Wettbewerb der Realität im aktuellen Verlagswesen stellen. Es galt, einen Spielraum zwischen Beständigkeit und Anpassung zu finden.

Unter dem Druck dieser Entwicklung kam es schliesslich zu einer Wende, die sich innerhalb von drei Jahren vollzog. Heute kann Bilanz gezogen werden. Der Wettbewerb «Die schönsten Schweizer Bücher» hat Haus und Kleider gewechselt: Er ist nun im Bundesamt für Kultur untergebracht, aber seine Eltern, die schweizerischen Verleger, greifen ihm nach wie vor am stärksten unter die Arme. Mit dieser Veränderung fällt auch die restriktive Exklusivität weg: Die Herstellung zahlreicher - oft sehr schöner - Bücher entfernt sich von den ausgetretenen Pfaden, um Neuland zu betreten. Dies gilt es zu berücksichtigen.

Die in diesem Jahr ausgezeichneten Titel der französischsprachigen Schweiz (nur zwei und leider kein einziger für die italienische Schweiz) symbolisieren die Tendenz zur Kontinuität und gleichzeitig zum Wandel: einerseits der in klassischem Kleid bei den Editions Zoé erschienene Katalog «Le Corps, miroir du Monde», andererseits die erste von der Jury begutachtete Internet-Publikation. Ein Buch, das jeder individuell herausgeben kann, indem er die Seiten auf dem Web sucht und auswählt, bei dem der Leser teilweise die Aufgabe der grafischen Gestaltung selber wahrnehmen kann, indem er das Buch mit den eigenen Geräten druckt. «ennetna» - provokant und innovativ, konsequent und gepflegt in der Ausführung - hat ausserdem den in diesem Jahr zu ersten Mal vergebenen Preis der Jury erhalten.

Der Umstand, dass das Bundesamt für Kultur das Sekretariat und die Organisation des Wettbewerbs übernommen hat, trägt dem Status des Buches als Gegenstand künstlerischen Ausdrucks und als grafisches Designprojekt stärker Rechnung und rückt die Rolle der Gestalterin und des Gestalters - oder eines Gestalterteams wie im Falle des mit dem diesjährigen Jan Tschichold Preis ausgezeichneten Werk «Engelberg» - in den Vordergrund. Diese von der Gruppe noman edition gestaltete und veröffentlichte Publikation stellt in aller Gelassenheit festgefahrene Gewohnheiten auf den Kopf. Wer das gebirgige Herz der Schweiz so präzise und grosszügig, aber auch so schonungslos abbildet, wie es sich heute darbietet - ohne Klischees und ohne Zugeständnisse an touristische Konventionen - erweist dem Land und dem Buch zweifelsohne einen grossen Dienst.

Eine andere überfällige Neuerung bestand darin, dass der Wettbewerbskatalog diese neue Form unterstreichen sollte und sich zu diesem Zweck entsprechend neu eingekleidet hat. Die Vergabe eines dreijährigen Mandats für die grafische Gestaltung trägt dazu bei, dass der Katalog im Sinn der darin enthaltenen Werke zu einem Forschungsgegenstand wird. Der Katalog ist sicher ein Informationsinstrument und - warum nicht auch - eine Diskussionsplattform. Die erste Serie, die mit dem aktuellen Katalog endet, bildet ein anschauliches Beispiel dafür: Sie wird als lebendig, unterhaltend, provozierend und nützlich beschrieben und weckte Begeisterung wie Irritation. In der Weiterführung müssen der Inhalt und die Kommentare noch perfektioniert werden. Um das Eis zu brechen, exponiert sich die Jury dieses Jahr selbst: Sie geht in kurzen Kritiken auf die Gründe ihrer Auswahl ein.

Ob althergebracht oder zeitgenössisch aufgemacht, die schönsten Schweizer Bücher machten auf den grossen ausländischen Buchmessen in Leipzig oder Frankfurt immer eine gute Figur. Heute existiert endlich ein den Büchern würdiger Katalog, der zunehmend reicher wird. Zu traditionellen Ausstellungen kommen zwei regelmässige Veranstaltungen in der Schweiz hinzu, die sich - mit unserem Engagement - zu wichtigen Meilensteinen entwickeln sollen: Seit dem letzten Jahr wird die Kollektion der ausgezeichneten Bücher in den beiden schweizerischen Design-Museen, dem Museum für Gestaltung in Zürich und im mu.dac, Musée de design et d'arts appliqués contemporains in Lausanne, ausgestellt.

Die Aufwertung des schweizerischen Schaffens im Bereich der Buchgestaltung beschränkt sich aber nicht auf diese Massnahmen. Die Jury stellt fest, dass ein frischer Wind weht und das Interesse ihrer professionellen Partner erwacht. Vielleicht gelingt es, den Weg zu ebnen für bahnbrechende Diskussionen über Form und Inhalt, über die Voraussetzungen des Schaffens und über die Buchpolitik, und damit auch die breite Öffentlichkeit anzusprechen?