Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 1998

Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 1998

Über den Jahrgang

Die Beiträge zum Wettbewerb «Die schönsten Schweizer Bücher 1998» verschaffen uns wie jedes Jahr einen guten Überblick über die aktuelle Situation im Bereich des typografischen Designs in der Schweiz. Sie helfen bei der Definition des Mediums Buch in dem sich so rasch verändernden Kontext der Medienindustrie. Dieser Wettbewerb bietet also eine ausgezeichnete Gelegenheit für eine Erkundung der Lage.

In diesem Umfeld kann auch die Herausgeberarbeit die unterschiedlichsten Formen annehmen. Die Verbindung der Schritte Edition-Design-Produktion, die Organisation der grafischen Kette, die Qualitätsstandards für die Herstellung: bei jedem Buch sieht die Lösung anders aus, sind die Kompetenzen anders verteilt. Versuchen wir also, anhand der Beiträge 1998 diese Unterschiede als grafische Tendenzen mit «industrieller», «paraindustrieller» oder «postindustrieller» Färbung herauszuarbeiten.

So ist die Kategorie der Bücher der «industriellen» Typografiekultur gekennzeichnet durch den hohen Integrationsgrad der ästhetischen Programme der grossen «historischen» Schriftgiessereien, durch die besonders konsequente Verwendung von optischen Sprachen, die in eine lange grafische Tradition eingebettet sind: Schrifttypen, Format, Lösung des Verhältnisses Text/Illustration, Einband. Es sind vor allem Textbücher, Bücher zum Lesen, die sich durch die Qualität ihrer Mikro-Typografie auszeichnen. Besonders typisch für diese Gruppe ist die einzigartige, hochentwickelte Synthese zwischen einer modernistischen Typografie für die Titelei und historischer Typografie für den Text, die auf einem unaufdringlichen und raffinierten Bemühen um die Strukturierung des Textraumes basiert. Es ist bedauerlich, dass diese Integration und diese Aktualisierung der typografischen Tradition in den Einsendungen aus der französischsprachigen Schweiz so wenig spürbar sind. (Riskieren wir eine Hypothese: Vielleicht ist in den Kreisen der typografischen Kultur der Übergang zur Stufe der elektronischen Produktion noch nicht vollzogen?)

Eine weitere Kategorie im Bereich der «industriellen» Kultur (ist dies in erster Linie die des Designers und erst in zweiter Linie die des Typografen?) ist das modernistische Buch. Es ist die Manifestation des Fortbestands (oder in manchen Hinsichten eines «modernistischen Revivals» - eines distanzierten, in eine kritische, ja sogar ironische Perspektive gesetzten Revivals; zumindest gilt dies für einige von ihnen) der Sprachen der 50er und 60er Jahre und eine Bestätigung dafür, dass diese nach wie vor gültig sind. Raster, systematische Strukturierung und Grotesken: dies sind Lösungen, die vor allem für Bücher mit hohem visuellem Anteil gefordert sind. Eine grosse Anzahl herausgeberischer Inhalte präsentiert sich in dieser sich so deutlich hervorhebenen Aufmachung, einem Erbe des Schweizer Modernismus: Monografien über Architekten, Fotografen oder Bildhauer, Gedenkbände. Einige dieser mit hohem technischem Aufwand produzierten Bücher mit grosszügigen Rändern stellen gewissermassen den white cube der Schweizer Verlagsszene dar.

Darf man die Gruppe der Bücher, die optische oder technische Lösungen auf der Basis der neuen elektronischen Werkzeuge bieten und die aus individualistischeren Produktionsstätten stammen, mit ein wenig Nachdruck als «para-» oder «postindustriell» bezeichnen? Gefördert durch die elektronische Produktionsweise entwickelt sich derzeit eine Art private press-Geist; es entstehen Schrifttypen mit mehr oder weniger rein für den Augenblick entworfenen Alphabeten, vor allem Typen für die Titelei, und Bücher, deren Impressum manchmal ein Hinweis für das Auftreten der Spezies «Designer-Schriftsetzer-Typograf- Typenentwickler» zu sein scheint. Sie greifen auf erfrischende Weise die Titelsatztradition auf, experimentieren mit manchmal ganz offensichtlich «dialektischen» typografischen Lösungen und profilieren sich im Hinblick auf die industriellen Standards und ihre Integration als «Unabhängige». Dies ist einer der Aspekte der Erneuerung des Buchdesigns, den wir der Weiterentwicklung der typografischen Werkzeuge verdanken.

Eine andere Einheit bilden jene Projekte, die in ihrem Design das spezifische Medium «Buch» mit dem Umfeld der anderen Medien konfrontieren. Dies geschieht entweder auf direkte oder auf paradoxe Weise: «feststehender» Text eines Buches versus in progress-Text der on-line-Medien (der eine ist fix, der andere veränderlich), cross-over der Organisationsprinzipien von einem Medium zum anderen, Austausch der Lese- und Navigationseinrichtungen. Ein Buch ist nur mehr ein momentaner - vorübergehender? - Ruhepunkt im Strom der Botschaften. Alle diese Produkte sind ein Indiz dafür, dass eine neue Typologie des Buches in Entstehung begriffen ist.

Eine letzte Gruppe schliesslich bilden die Bücher, deren Charakter im wesentlichen ein informativer ist: Dies sind die «Nachschlagewerke» wie z.B. Fahrpläne, Führer, Telefonbücher, Bücher, die ganz besonders der Konkurrenz der neuen Medien ausgesetzt sind. Diese Träger des «Informationsdesign», die einer ausgeprägten Schweizer Grafiktradition angehören und oft komplexe typografische Lösungen bieten, sind traditionellerweise bei den Beiträgen zum Wettbewerb unterrepräsentiert (ebenso wie eine andere Kategorie der in der Schweiz veröffentlichten Bücher, nämlich die Veröffentlichungen der Unternehmen, die corporate design-Bücher). Erfreulicherweise konnten dieses Jahr einige derartige Neuerscheinungen ausgezeichnet werden; auf diese Weise können sie dazu beitragen, unsere Definition des in ständiger Entwicklung begriffenen Mediums Buch zu erweitern.

François Rappo, Grafiker und Typograf, lebt und arbeitet in Lausanne. Er unterrichtet an der Ecole cantonale d'art de Lausanne.
Übersetzung: Anna Schmid

Neben den nationalen und internationalen Ausstellungen macht der Katalog «Die schönsten Schweizer Bücher» Wettbewerbsresultate anschaulich und alle spezifischen technischen Daten greifbar. Er dient aber nicht allein als informatives Anschauungsmaterial, sondern ist seinerseits ein künstlerischer Beitrag zur aktuellen Buchgestaltung. In einem Turnus von drei bis vier Jahren werden nun jeweils junge Buchgestalter und Buchgestalterinnen eingeladen, diesen Katalog zu konzipieren. Gilles Gavillet, Zürich, hat den Katalog bereits zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit Cornel Windlin, Zürich, entworfen und ausgeführt. Mit dem Katalog trägt ein neues Gesamterscheinungsbild für Plakate und Einladungskarten den Wettbewerb visuell nach aussen.

Aus 267 eingereichten Publikationen hat die sieben Mitglieder zählende Jury unter dem Präsidium von Lorette Coen, Lausanne, dieses Jahr 22 Bücher ausgezeichnet. Gleichzeitig verlieh die Jury zum vierten Mal den Jan Tschichold Preis. Mit diesem Preis zeichnet das EDI eine ausserordentliche Leistung, Kreativität und Engagement im Bereich der Buchgestaltung aus. Der diesjährige Jan Tschichold Preis in der Höhe von 15'000 Franken geht an den Verleger und Buchhändler Ricco Bilger, Zürich und Leukerbad.

Der Wettbewerb «Die schönsten Schweizer Bücher», die Ausstellungen und der Katalog geben nicht nur einen Blick auf den aktuellen Stand der Buchgestaltung in der Schweiz. Sie sollen eine breite Öffentlichkeit anregen, aktuelle Fragen und Probleme im Bereich der Buchgestaltung kritisch und engagiert zu diskutieren.

Ich bedanke mich herzlich bei Frau Mirjam Fischer, die den Wettbewerb seit letztem Mai konzeptuell und organisatorisch betreut.